Streich nach erstem Sieg: Konnte nicht alle Kraft geben

Seine letzte Energie schien Christian Streich beim Umarmen seiner Profis in Köln verbraucht zu haben. Schon kurz nach dem Befreiungsschlag mit dem ersten Bundesliga-Sieg seit 197 Tagen wirkte der Trainer des SC Freiburg nachdenklich und irgendwie erschöpft.

Streich nach erstem Sieg: Konnte nicht alle Kraft geben
Rolf Vennenbernd Streich nach erstem Sieg: Konnte nicht alle Kraft geben

Die vergangenen Wochen voller Rückschläge und ohne Erfolgserlebnisse haben beim 49-Jährigen tiefe Spuren hinterlassen. Und Kraft gekostet. Kraft, die er eigentlich in Form von Motivation an seine Spieler hatte weitergeben wollen. Aber nicht konnte. «Es war so, dass ich nicht zu 100 Prozent mit der Situation umgehen konnte», gab Streich offen zu. «Ich konnte der Mannschaft nicht alle Kraft geben. Diesen Schuh muss ich mir anziehen. Sonst hätten wir vielleicht schon ein paar Punkte mehr.»

Der selbstkritische Blick in sein Seelenleben passt zu dem Fußballlehrer, der sich von anderen Kollegen zuweilen wohltuend abhebt. Statt seinen Profis die Schuld an der Misere und dem zwischenzeitlichen Sturz auf Rang 18 in die Schuhe zu schieben, reflektiert Streich sein eigenes Wirken, hinterfragt seine Maßnahmen, sucht Gründe für den Misserfolg zuerst bei sich selbst. «Ich sage ja nicht, dass ich nicht da war. Aber vielleicht nur zu 85 Prozent. Die letzte Emotionalität hat gefehlt. Und dann mache auch ich Fehler», räumte Streich nach dem Sieg im Duell der beiden unter der Woche im DFB-Pokal erfolgreichen Teams ein, die sich zum Achtelfinale im kommenden März in Freiburg wiedersehen.

Der 1:0-Erfolg vor 49 500 Zuschauern im RheinEnergieStadion wird dem mitgenommenen Streich helfen, den halbleeren Akku wieder aufzuladen. Auch wenn das Spiel der ganz auf Defensive setzenden Mannschaften vor allem vor der Pause für Freunde des gepflegten Fußballs unansehnlich bis unerträglich war. Der FC schien mangels offensiver Klasse weder gewillt noch in der Lage, das Spiel zu gestalten. «Wir hatten zu wenig Durchschlagskraft. Die Ideen bei Ballbesitz waren mangelhaft, auch in der Defensive hat nicht alles gestimmt», lautete die Mängelliste von Kölns Coach Peter Stöger. «Und die Freiburger haben überhaupt nichts für das Spiel getan. Sie haben nur auf unsere Fehler gewartet, die wir ihnen dann ja auch angeboten haben.»

In der Tat hatte Streich seiner Elf eine reine Kontertaktik verordnet, um am 10. Spieltag endlich die Sieglosserie zu durchbrechen. Die Folge: nicht eine einzige Torchance in den ersten 45 Minuten! Beide Teams hätten ihre Keeper daheim lassen können. So war es kein Wunder, dass der einzige Treffer durch einen verwandelten Handelfmeter (50. Minute) des besten Freiburgers, Vladimir Darida, fiel. FC-Verteidiger Mergim Mavraj hatte zuvor eine Hereingabe des agilen Admir Mehmedi mit dem Arm abgewehrt.

«Ich finde, dass wir verdient gewonnen haben. Aber du brauchst auch das Quäntchen Glück, das uns zuletzt häufig gefehlt hat. Heute hatten wir es», meinte Streich. Der Schlüssel für ihn war, wie sein Team in den vergangenen Wochen mit der schwierigen Situation umgegangen sei. «Man muss alles aushalten, aushalten, aushalten. Aber wir sind immer sehr dicht beieinandergeblieben.» Der Ex-Kölner Sascha Riether fasste die Gefühlslage des gesamten SC-Trosses vor der fröhlichen Busfahrt in den Breisgau zusammen: «Es ist uns ein Stein vom Herzen gefallen. Mit drei Punkten im Gepäck ist es schöner zurückzureisen.»