Streikende Lokführer nehmen keine Rücksicht auf Ferienverkehr

In sieben Bundesländern beginnen an diesem Wochenende die Herbstferien - doch aus der geplanten Fahrt ans Meer oder zum nächsten größeren Flughafen wird für viele Urlauber nichts.

Etwa zwei Drittel der Fernzüge der Deutschen Bahn stehen seit dem frühen Samstagmorgen still. Auch die Regionalbahnen fahren nur nach einem Ersatzfahrplan.

Die Lokführergewerkschaft GDL will den Streik ungeachtet der Belastungen für die Kunden bis Montagmorgen durchziehen. Ein neues Tarifangebot des Konzerns hatte sie am Freitagabend abgeschmettert.

Die Bahn versprach, den Reisenden ein gewisses Maß an Planungssicherheit zu geben. Ob tatsächlich jeder dritte Fernzug wie geplant fahren werde, könne aber nicht garantiert werden, sagte ein Unternehmenssprecher. In der Nacht hatte die Bahn gestrandeten Reisenden an größeren Bahnhöfen Schlafwagen zur Verfügung gestellt.

Von der zweitägigen Aktion betroffen sind auch die S-Bahnen. In Berlin sollten die beiden wichtigen Ringbahnlinien S41 und S42 am Wochenende komplett ausfallen. An den Bahnhöfen blieb das große Chaos zunächst aber aus: Viele Reisende hätten sich vorab informiert und Alternativen gesucht, sagte ein Bahnsprecher in Hamburg.

Von den Zugausfällen profitierten vor allem Fernbus-Anbieter. Auf dem Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) an der Messe Berlin war die Wartehalle am Samstagmorgen fast bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt. Einige Unternehmen setzten wegen des erwarteten Ansturms Zusatzbusse ein.

Stark eingeschränkt war nach Bahn-Angaben der Güterverkehr, der bereits seit Freitagnachmittag bestreikt wurde. Die Wirtschaft warnte vor hohen Schäden. «Wenn die Kunden wegbleiben und die Ware nicht ankommt, weil die Bahn nicht fährt, ist das eine absolute Katastrophe für unsere Unternehmen und Beschäftigten», sagte der Präsident des Handelsverbands Deutschland, Josef Sanktjohanser, der «Bild»-Zeitung.

Wie es in dem festgefahrenen Tarifkonflikt zwischen GDL und Bahn weitergeht, ist ungewiss. Eine neue Offerte, die eine dreistufige Einkommenserhöhung um insgesamt 5 Prozent bei einer Vertragslaufzeit von 30 Monaten vorsieht, hatte die GDL am Freitag als «Scheinangebot» bezeichnet und abgelehnt.

Ein Bahnsprecher verwies am Samstag ausdrücklich darauf, dass eine Lösung nur am Verhandlungstisch möglich sei. Die GDL vertrete die Lokführer, solle aber über Belange des übrigen Zugpersonals mitreden können. Deren Interessen vertrete federführend jedoch klar die größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG).

Die GDL verlangt, neben den Lokführern auch für weitere Berufe wie etwa Zubegleiter und Bordgastronomen verhandeln zu dürfen. Sie fasst diese Gruppen mit den Lokführern als «Zugpersonal» zusammen und reklamiert die Mehrheit der Mitglieder für sich. Der Hintergrund: Die Gewerkschaft fürchtet das von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) geplante Gesetz zur Tarifeinheit.

Damit soll in Großunternehmen mit mehreren Gewerkschaften ein annähernd einheitliches System von Lohn- und Arbeitsbedingungen sichergestellt werden, so dass kleine Spartengewerkschaften ihre Interessen nicht auf Kosten anderer Beschäftigter durchsetzen können. Sie sollen zur Kooperation mit den Hauptgewerkschaften gedrängt werden. Nahles will den Entwurf Anfang November vorlegen.

Der Vize-Vorsitzende der EVG, Klaus-Dieter Hommel, warnte die Bundesregierung jedoch davor: Ein neues Gesetz könne die augenblickliche Situation nur verschlimmern. «Wir wollen nicht, dass das Streikrecht berührt wird», sagte Hommel dem «Focus».