«Stress oder Leben» - Götz George setzt neue Prioritäten

Götz George ist ein großartiger Schauspieler, und deshalb kann er seinem Publikum fast alles vormachen, auch unbändige Kraft und Vitalität. Sich selbst aber nicht.

«Stress oder Leben» - Götz George setzt neue Prioritäten
Rainer Jensen «Stress oder Leben» - Götz George setzt neue Prioritäten

«Man baut ab», sagt George kurz und bündig im Interview mit der «Westdeutschen Allgemeinen Zeitung». Und kündigt seinen überraschten Fans an, dass sie am 1. November vielleicht seinen letzten neuen Film sehen werden - in «Besondere Schwere der Schuld» spielt er einen Doppelmörder, der nach 30 Jahren im Knast seinen eigenen Fall aufklären will.

Ob es wirklich der letzte Film ist, darauf legt sich George, inzwischen 76 Jahre alt, dann aber doch nicht so ganz fest: «Ich möchte gerne nach 65 arbeitsreichen Jahren Feierabend machen. Wobei ich mir vorstellen kann, von Zeit zu Zeit wieder "auf die Piste zu gehen".» Aber auf der Bühne sterben, das will er auf keinen Fall.

Das passt. George ist zwar darstellender Künstler, aber für Illusionen nicht zu haben. Und deshalb sagt er offen, dass er einen Film wie den über seinen legendären, wegen seiner Karriere in der Nazi-Zeit aber auch umstrittenen Schauspieler-Vater Heinrich George (1893-1946) nicht noch einmal schaffen würde: «Heute könnte ich das nicht mehr. In zwei Jahren kann viel passieren.»

Dass er jetzt auf der Zielgeraden sei, formuliert er, und deshalb alles eine andere Bedeutung bekomme. «Entweder, man hat das Leben gepackt oder das Leben hat einen gepackt. Ich glaube mittlerweile, beides ist wohl richtig. Du wirst geliebt und gebeutelt.»

Wer das liest und sich die Stimme dazu vorstellt und das markante Gesicht mit dem nachdenklichen Lächeln, meint unweigerlich, Schimanski reden zu hören. George hat mit diesem «Tatort»-Kommissar eine Figur geschaffen, die es wirklich zu geben scheint. Am Duisburger Hafen, so oft Kulisse der Ruhrpott-Krimis, kann man mittlerweile sogar durch die «Horst-Schimanski-Gasse» spazieren.

29 Schimmi-Tatort-Folgen liefen im Ersten zwischen 1981 und 1991, danach folgte eine eigene Serie unter dem Schimanski-Logo mit George als Ermittler im Rentenalter. Und wenn der Schauspieler jetzt im Interview andeutet, dass es keine neue Folge mehr geben wird, klingt es, als rede er über sich selbst: «Dieser Typ tritt so leise ab, wie er laut angefangen hat», sagt George über Schimanski.

Aber natürlich wird George nicht ganz weg sein, selbst wenn er wirklich keine Filme mehr drehen sollte. Dafür hat er viel zu viele Klassiker geschaffen, die auch als Wiederholung noch die Zuschauer in ihren Bann ziehen. George spielte den Massenmörder Fritz Haarmann in «Der Totmacher», einen alzheimerkranken Busfahrer in «Mein Vater», den KZ-Arzt Josef Mengele in «Nichts als die Wahrheit», den Fälscher der Hitler-Tagebücher in «Schtonk!».

Aber George wäre nicht George, wenn er seinen Sehnsucht nach Feierabend nur damit begründen würde, dass er ein «in die Jahre gekommener Schauspieler» sei. Nicht nur er hat sich verändert, auch sein Beruf: «Die Zeiten sind härter, egoistischer und unkünstlerischer geworden», so empfindet er es. Und dreht dieser Welt erst mal den Rücken. «Man muss sich entscheiden können: Stress oder Leben.»