Studenten in Hongkong wollen Barrikaden abbauen

Kurz vor Ablauf eines Ultimatums der Regierung haben die Demonstranten in Hongkong eingelenkt. Überraschend kündigte die Studentenvereinigung an, wie gefordert die Blockaden von Regierungsstellen bis Montagfrüh aufzuheben.

Damit können 3000 Beamte wieder zur Arbeit gehen. Dennoch ist ein Ausweg aus der größten Krise in Hongkong seit der Rückgabe der früheren britischen Kronkolonie 1997 an China nicht in Sicht.

Die seit mehr als einer Woche andauernden Demonstrationen für mehr Demokratie in Chinas Sonderverwaltungsregion waren am Wochenende begleitet von Gewalt der Protestgegner gegen friedliche Aktivisten: 165 Menschen wurden verletzt. An einer Massendemonstration gegen Gewalt und für freie Wahlen in Hongkonmg nahmen am Samstagabend mehrere Zehntausend Menschen teil.

Regierung wie Studenten bekräftigten ihre Gesprächsbereitschaft: «Die Tür für Dialog ist immer offen», so Regierungsvertreter. Mit der Ankündigung, zumindest die Blockade wichtiger Zugänge zu Regierungsgebäuden aufzuheben, versuchten die Studenten, Spannungen abzubauen. Sie heben auch Straßensperren auf, damit Kinder in betroffenen Stadtvierteln wieder zur Schule gehen können.

Eindringlich hatte zuvor Regierungschef Leung Chun-ying die sieben Millionen Hongkonger gewarnt, die Lage könne «sehr leicht außer Kontrolle geraten». Er rief Protestgegner und Demonstranten zur Zurückhaltung auf. Regierung und Polizeikräfte seien entschlossen, «alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die soziale Ordnung wiederherzustellen». Kanzlerin Angela Merkel äußerte in Berlin ihre Hoffnung auf eine «besonnene Reaktion auch der Polizei».

Die Studenten zeigten sich grundsätzlich dialogbereit. Ihr Führer Alex Chow sagte aber, die Studentenvereinigung komme erst an den Verhandlungstisch, wenn die Regierung die Sicherheit aller Demonstranten garantiere und die Angriffe untersuche. Viele Tausend setzten ihre Demonstrationen für mehr Demokratie in der asiatischen Wirtschafts- und Finanzmetropole fort.

Die Proteste hatten sich an Beschlüssen des Pekinger Volkskongresses entzündet, 2017 zwar erstmals eine direkte Wahl in Hongkong zu erlauben, den Wählern aber eine freie Nominierung der Kandidaten zu verweigern. Die Reform geht den prodemokratischen Aktivisten nicht weit genug, weil China den Hongkongern vor dem Souveränitätswechsel nicht nur Autonomie, sondern auch freie Wahlen in Aussicht gestellt hatte. Die kommunistische Führung zeigt sich aber kompromisslos.

Bei manchen lagen die Nerven blank: Ein Mann drohte, sich von einer Brücke in den Tod zu stürzen. Ein anderer übergoss sich am Regierungssitz mit entflammbarer Flüssigkeit und drohte sich anzuzünden, wenn ihn nicht ein hoher Regierungsvertreter empfangen würde. Beide konnten unverletzt in Polizeigewahrsam genommen werden.

Die Zusammenstöße von Protestgegnern mit friedlichen Demonstranten dauerten an. Die Krankenhausverwaltung berichtete, von den 165 Verletzten müssten 9 noch stationär behandelt werden. In dem belebten Geschäftsviertel Mong Kok auf der Halbinsel Kowloon kam es wieder zu Gerangel und neuen Verbalattacken von Protestgegnern auf Aktivisten.

Die Lage war unübersichtlich. Es gibt zweifellos Unmut über Behinderungen und Beeinträchtigungen der Geschäfte durch die Demonstrationen. Ein Kioskbesitzer beklagte, sein Umsatz sei seit Beginn der Proteste um 75 Prozent gefallen. Aktivisten äußerten aber auch ihre Sorge, dass organisierte Gruppen Zwischenfälle provozieren könnten, um die Polizei zu einer Räumung der Straßen zu zwingen.

«Es ist eindeutig schlimmer heute», sagte der prodemokratische Abgeordnete Albert Chan in Mong Kok. «Ich denke, dass 90 Prozent dieser Auseinandersetzungen von regierungsfreundlichen Kräften verursacht werden.» Wegen der Übergriffe hatten am Vorabend Zehntausende an einem «Aufmarsch gegen Gewalt» teilgenommen.

Zuvor hatte es sogar Angriffe von angeheuerten Schlägern gegeben. 19 Personen wurden festgenommen. Acht von ihnen haben laut Polizei Verbindungen zu mafiaähnlichen, Triaden genannten Unterweltgruppen. Regierungschef Leung verurteilte alle Gewalt und warnte vor einer Eskalation. Es könne «ernste Konsequenzen für die Sicherheit der Bürger und die soziale Ordnung haben», sagte Leung. «Es war sehr chaotisch - viele wurden verletzt, darunter auch Journalisten.»

Studentenführer Joshua Wong forderte die Regierung auf, gegen die Gewalt ihrer Unterstützer vorzugehen. Dem US-Sender CNN sagte der 17-Jährige: «Wir hoffen, dass die Regierung das beendet.» Die Protestgegner ständen hinter der Regierung, setzten aber Gewalt gegen friedlichen Demonstranten ein. «Diese Leute sind nicht nur einfache Bürger, die in Hongkong leben», sagte Wong. «Sie werden organisiert.»