Säureanschlag auf Ballettchef - Tänzer droht Straflager

 Es ist der Schlussakt in einem Ballettdrama, das auch die internationale Kulturwelt erschaudern ließ. Elf Monate nach dem Säureanschlag auf Sergej Filin, den Ballettchef des legendären Moskauer Bolschoi Theaters, will ein Gericht in Moskau an diesem Dienstag (3. Dezember) das Urteil fällen.

Säureanschlag auf Ballettchef - Tänzer droht Straflager
Maxim Shipenkov Säureanschlag auf Ballettchef - Tänzer droht Straflager

Neun Jahre, so will es die Anklage, soll allein der Solist Pawel Dmitritschenko für den Anschlag ins Straflager. Der 42-jährige Filin leidet noch immer unter den Verätzungen im Gesicht - auch nach mehr als 20 Operationen in der Augenklinik in Aachen.

«Die Strafe sollte maximal hart ausfallen», sagt Filins Anwältin Tatjana Stukalowa vor dem Richterspruch. Wegen schwerer Körperverletzung angeklagt sind auch zwei Arbeitslose im Alter von 35 und 32 Jahren. Der 35-Jährige, ein Bekannter von Dmitritschenko, soll Filin in der Nacht zum 17. Januar aufgelauert und ihm Schwefelsäure ins Gesicht geschüttet haben. Für ihn beantragt die Staatsanwaltschaft zehn Jahre Straflager. Der dritte Angeklagte soll den Täter gefahren haben. Ihm drohen sechs Jahre Straflager.

Schon kurz nach der Tat fand sich das größte Staatstheater Russlands mit seiner weltberühmten Balletttruppe international als gefährliche Schlangengrube in den Schlagzeilen. Tänzer berichteten von einer Welt voller Intrigen, einem bisweilen brutalen Kampf um Rollen, Gastspiele im Ausland und hohe Gagen.

Der Tänzer Dmitritschenko selbst glänzte zuletzt in der Titelpartie des Balletts «Iwan der Schreckliche» um den berüchtigten blutrünstigen russischen Zaren. Als «emotionalen Künstler» beschrieb sich der Solist vor Gericht. Auch wenn er moralisch verantwortlich sei für den Anschlag, habe er Filin aber nicht schaden wollen, sagte Dmitritschenko aus. Vielmehr hätten seine Bekannten unaufgefordert Filin mit der Säure eine Lektion erteilen wollen. Der Haupttatverdächtige bestätigte diese Version.

Über Monate zerfleischten sich in diesem Drama öffentlich Theaterfunktionäre sowie frühere und amtierende Mitglieder der mit 220 Tänzern größten Ballettcompagnie der Welt gegenseitig. Einzelne Solisten verließen das Haus. Und am Ende musste auch Intendant Antoli Iksanow seinen Hut beim skandalumwitterten Theater nehmen. Sein Nachfolger Wladimir Urin soll den Musentempel nun zur Ruhe bringen.

Als Zeuge vor Gericht attestierte der geschasste Startänzer Nikolai Ziskaridse seinem durch den Anschlag fast erblindeten Rivalen Filin ein Regime der Willkür. Immer wieder habe der Ballettchef Dmitritschenko von geplanten Auftritten abgezogen und ihn damit erniedrigt. «Pawel hat viel Talent», sagte der Pädagoge Ziskaridse. Er habe eine große Karriere vor sich gehabt. Viele Mitarbeiter des Theaters hatten sich mit Dmitritschenko solidarisch gezeigt.

Die frühere Bolschoi-Ballerina Angelina Woronzowa warf Filin als Zeugin sogar vor, sie erpresst zu haben. «Er sagte, dass Dmitritschenko ein unbequemer Mensch sei und aus mir nichts werden würde, wenn ich mit ihm zusammen bin», sagte Woronzowa. Sie war schon vor ihrer Aufnahme am Bolschoi von Filin persönlich gefördert worden.

Filin, der über Monate ausgefallen war, will ungeachtet seiner eingeschränkten Sehkraft und der brodelnden Konflikte seine Arbeit am Bolschoi fortsetzen. Der mit einer Ballerina Verheiratete hatte die künstlerische Leitung des Balletts in den vergangenen Monaten seiner früheren Tanzpartnerin Galina Stepanenko überlassen. Zwar dauert Filins Behandlung in Aachen an. Seit Mitte September ist er aber wieder am Bolschoi präsent - neuerdings, wie die Theaterleitung mitteilte, stets in Begleitung eines Leibwächters.