Syrien bestreitet Giftgaseinsatz: Hunderte Tote bei Angriffen

Das syrische Regime und die Rebellen streiten erneut über einen möglichen Giftgaseinsatz. Die Regierung wies am Mittwoch den Vorwurf der lokalen Revolutionskomitees zurück, bei einem Großangriff auf Rebellenhochburgen im Umland der syrischen Hauptstadt Damaskus auch Giftgas eingesetzt zu haben

. Die Opposition und die Arabische Liga appellierten an die Chemiewaffen-Experten, die sich im Moment in Damaskus aufhalten, sich selbst vor Ort ein Bild von der Lage zu machen. Eine unabhängige Überprüfung der Vorwürfe ist nicht möglich.

Bei den massiven Angriffen mit Kampfflugzeugen, Raketen und Artillerie sollen nach Angaben der Aktivisten 494 Menschen getötet worden sein. Die Zahl der Verletzten wurde von den Aktivisten auf etwa 600 beziffert.

Die lokalen Revolutionskomitees berichteten, betroffen von den Angriffen seien vor allem der Bezirk Al-Ghuta Al-Scharkija, der als Hochburg des Widerstandes gegen Präsident Baschar al-Assad gilt, sowie Moadhamijat al-Scham.

Syrische Ärzte sagten dem Nachrichtensender Al-Arabija, wegen der Blockade durch die Armee hätten sie kaum Arzneimittel, um die Verletzten zu behandeln.

Auch die Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter bestätigte unter Berufung auf eigene Informanten vor Ort heftige Angriffe am frühen Morgen auf Bezirke südlich und östlich von Damaskus, nannte jedoch keine Opferzahlen.

Die oppositionelle Nationale Syrische Allianz rief die Chemiewaffen-Experten auf, die bombardierten Dörfer zu besuchen. In der syrischen Hauptstadt hält sich derzeit ein Team der Vereinten Nationen auf, das den Einsatz von Giftgas im syrischen Bürgerkrieg untersuchen soll.

Die Regierung hat den Experten jedoch bislang nur den Zugang zu drei Orten gestattet, an denen in den vergangenen Monaten angeblich Chemiewaffen zum Einsatz gekommen sein sollen. Das Regime und die Rebellen beschuldigen sich gegenseitig, Nervengas verwendet zu haben.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle hatte am Dienstag gefordert, das UN-Team müsse «umfassend und ungehindert Zugang zu allen Orten im Land» erhalten.

Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Nabil al-Arabi, forderte die UN-Experten auf, sich sofort in die bombardierten Gebiete zu begeben. Er erklärte: «Ich bin erstaunt, dass so ein verabscheuungswürdiges Verbrechen verübt wird, während die internationalen Inspektoren der Vereinten Nationen in Damaskus sind.»

Nach dem Vorwurf des Giftgaseinsatzes veröffentlichten die syrischen Staatsmedien ein Dementi der Regierung. Diese bestritt allerdings nicht die Angriffe in den Außenbezirken der Hauptstadt, sondern lediglich den Einsatz von Chemiewaffen.

Syriens staatliche Nachrichtenagentur Sana schrieb: «Die TV-Kanäle, die an dem Blutvergießen in Syrien und der Unterstützung des Terrorismus beteiligt sind, veröffentlichen diese Berichte, die frei erfunden sind, um das Team, das den Einsatz von Chemiewaffen untersuchen soll, abzulenken, und somit den Erfolg seiner Mission zu verhindern.»

An der syrischen Grenze zum Nachbarland Irak bahnt sich ein neues Flüchtlingsdrama an. In den vergangenen Tagen sind mehr als 35 000 Syrer vor den Kämpfen in den Norden des Irak geflohen. «Wir haben heute etwa 2000 Flüchtlingen geholfen, die Grenze nach Irakisch-Kurdistan zu überqueren», sagte der Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerkes (UNCHR) der Nachrichtenagentur dpa in Beirut. Die Regierung der kurdischen Autonomieregierung im Nordirak hatte vergangene Woche die Öffnung eines Grenzübergangs für Flüchtlinge aus dem Nachbarland beschlossen.