Taliban dringen ins Zentrum von Kundus vor

Zwei Jahre nach dem Abzug der Bundeswehr aus Kundus sind die Taliban bei einer Offensive ins Zentrum der nordafghanischen Provinzhauptstadt vorgedrungen.

«Die Taliban haben ihre weiße Flagge im Standzentrum gehisst», sagte der Vizegouverneur der Provinz Kundus, Hamdullah Daneschi. «Die schweren Gefechte zwischen den Taliban und den Regierungstruppen dauern an.» Die Taliban kämpften sich am Montag bis auf einige hundert Meter an den schwer gesicherten Palast des Gouverneurs der Provinz Kundus im Stadtzentrum heran.

Polizeisprecher Sajed Sarwar Hussaini sagte, der Palast und das Polizei-Hauptquartier seien weiterhin in der Hand der afghanischen Sicherheitskräfte. «Die Hälfte der Stadt wird von den Taliban kontrolliert, die andere Hälfte von Regierungstruppen.» Kundus wäre die erste Provinzhauptstadt, die seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 von den Aufständischen erobert würde.

Provinzratsmitglied Aminullah Ajuddin sagte, die Taliban hätten das Provinz-Gefängnis in ihre Gewalt gebracht und hunderte Gefangene befreit. «Ihnen allen wurde erlaubt, nach Hause zu gehen. Alle früheren Taliban-Kämpfer im Gefängnis schlossen sich dem Kampf gegen die Sicherheitskräfte an.»

Die radikalislamischen Aufständischen hatten am Montag die Offensive zur Eroberung von Kundus-Stadt begonnen. «Kundus-Stadt ist am Morgen aus mehreren Richtungen angegriffen worden», sagte Hussaini. Die Taliban riefen Zivilisten dazu auf, bis zum Ende der Kämpfe in ihren Häusern zu bleiben. Angaben zu Opfern lagen zunächst nicht vor.

Den Taliban gelang es, mehrere Regierungsgebäude unter ihre Kontrolle zu bringen. «Sie haben auch das öffentliche Krankenhaus mit seinen 200 Betten eingenommen», sagte Provinzratsmitglied Ghulam Rabbani Rabbani.

Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid teilte über Twitter mit, in dem Provinz-Krankenhaus suchten Taliban-Kämpfer nach «verwundeten feindlichen Soldaten». Einige Polizisten seien gefangen genommen worden. Die Taliban hätten Fahrzeuge und Waffen erobert und setzten ihren Vormarsch fort.

Ein dpa-Reporter in Kundus sagte, die Taliban hätten wichtige Zufahrtsstraßen zur Stadt abgeschnitten. Ein Regierungsmitarbeiter in Kundus-Stadt, der anonym bleiben wollte, sagte: «Taliban-Kämpfer mit ihren Waffen sind überall in der Stadt. Viele Menschen fliehen in Richtung des Flughafens, der etwas sicherer ist.»

Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin betonte, die afghanischen Sicherheitskräfte seien weiterhin «grundsätzlich in der Lage, den Taliban entgegenzutreten». Bislang sei es ihnen auch gelungen, die Großstädte des Landes unter ihrer Kontrolle zu halten. Zu der aktuellen Situation in Kundus lägen der Bundesregierung noch keine weiteren Erkenntnisse vor. Das Auswärtige Amt beobachte die Lage jedoch mit großer Aufmerksamkeit.

In der Nähe des Flughafens außerhalb der Stadt unterhielt die Bundeswehr bis vor ihrem Abzug vor zwei Jahren ein Feldlager. Die Nato beendete ihren Kampfeinsatz in Afghanistan im vergangenen Jahr. Der Nachfolgeeinsatz «Resolute Support» dient vor allem der Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte. US-Truppen fliegen allerdings weiterhin Luftangriffe gegen die Taliban.