Terror in der Kleinstadt

Warum in Ansbach? Ein islamistisch motivierter Anschlag ausgerechnet in der fränkischen Kleinstadt-Idylle.

Terror in der Kleinstadt
Daniel Karmann Terror in der Kleinstadt

Diesen Sonntagabend wird Thomas Meister, zweiter Pfarrer der St. Gumbertus-Gemeinde, wohl nie vergessen: Er feiert mit Freunden im Pfarrgarten, als er kurz nach 22.00 Uhr plötzlich hinter der hohen Gartenmauer einen lauten Knall hört. Er läuft los.

Draußen, auf dem kleinen Platz am Hauptzugang zu dem Gelände des Musikfestivals «Open Ansbach» stößt der Geistliche auf etliche blutverschmierte Menschen. Die meisten hatten eben noch im kleinen Garten vor dem Lokal «Eugens Weinstube» gemütlich beisammen gesessen und der Musik der «Deutschpoeten» Philipp Dittberner und Gregor Meyle gelauscht.

Anfangs spricht die Polizei noch von einer «Gasexplosion» und lässt damit viele zunächst an ein Unglück glauben. Doch noch in der Nacht wird klar, dass die kleine Beamtenstadt in Mittelfranken Ziel eines Bombenanschlags geworden ist. Fünfzehn Menschen werden verletzt, vier davon schwer. Der mutmaßliche Attentäter, ein 27-jähriger Flüchtling aus Syrien, wird getötet. Er hat hier in einem Flüchtlingsheim gewohnt, war 2014 nach Deutschland gekommen und psychisch labil. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der Mann auf das Festivalgelände mit etwa 2000 Besuchern gelangt wäre. Doch er hatte keine Eintrittskarte - und wurde am Eingang abgewiesen.

Die Ermittler gehen davon aus, dass er mit der Metallsplitter-Bombe im Rucksack so viel wie mögliche Festivalbesucher auf der «Reitbahn» mit in den Tod reißen wollte. Es wäre ein weitaus größeres Blutbad geworden. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU), der noch in der Nacht nach Ansbach geeilt war, deutet schon in der eilig anberaumten Pressekonferenz an, dass ein islamistischer Hintergrund nicht ausgeschlossen werden könne. Am Tag danach erhärtet sich der Verdacht: Die Umstände der Tat deuten auf den ersten islamistischen Selbstmordanschlag in Deutschland hin.

Immer mehr Details über den syrischen Asylbewerber, der sich selbst in die Luft sprengte, kommen am Montag ans Licht. Herrmann berichtet, auf einem Handy hätten Ermittler ein Video einer Anschlagsdrohung des Täters gefunden. Eine Racheakt kündigte er an, als Vergeltung gegen Deutsche, weil sie Muslime umbrächten. Und der Täter beziehe sich auf Abu Bakr al-Bagdadi - den Anführer der Terrormiliz IS.

Rückschau: In der Nacht, Stunden nach der Explosion, befindet sich die Beamtenstadt in Schockstarre. Menschen irren bis früh in die Morgenstunden in der Altstadt umher, diskutieren an den Flatterbändern, mit denen die Polizei das Gebiet um den Tatort weitläufig abgesperrt hat, die Lage. Erst langsam sickert auch in den sozialen Netzwerken durch, dass die ohrenbetäubende Explosion am Westausgang des Festival-Geländes «Reitbahn» nicht etwa von einer defekten Gasflasche herrührte.

Pfarrer Meister ist schockiert: «Einige waren am Arm verletzt, andere bluteten an den Beinen, einige hielten sich Kleidungsstücke auf blutende Kopfwunden». Dann aber entschließt er sich, rasch zum Handeln. Er lotst die Verletzten, soweit sie noch laufen können, hinüber zum Hintereingang seiner Kirche, später bringt er sie in ein nahes Stiftsgebäude der St. Gumbertus-Gemeinde. Dort werden die von herumfliegenden Metallteilen verletzten Männer und Frauen notdürftig versorgt, bevor sie in umliegende Krankenhäuser gebracht werden.

Unbeeindruckt von dem Polizei-Einsatz setzt derweil einer junger Mann unweit des Schlosses seine nächtliche Pokémon-Jagd fort. Es wirkt surreal, wie er mit seinem Smartphone die nächtliche Promenade nach den Taschenmonstern absucht.«Ich lasse mir doch von einem solchen Idioten nicht den Spaß verderben.» Er selbst hatte sich zum Zeitpunkt des Anschlags wenige Hundert Meter vom Tatort entfernt aufgehalten. «Da war plötzlich ein Riesenknall.» Aber einen Reim habe er sich darauf zunächst auch nicht machen können. Wer denke denn in Ansbach an ein Bombenattentat?

Im Morgengrauen treffen an den weitläufigen Absperrungen rund um den Tatort ratlose und verunsicherte Passanten auf ebenso ratlose Polizisten. Zu den rund 200 Beamten, die am Abend aus ganz Bayern zusammengezogen wurden, gehören auch Uniformierte einer Polizeihundertschaft aus München. «Wir waren erst am Freitag und Samstag beim Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum eingesetzt», berichtet einer von ihnen. Erst in der Nacht zum Samstag hatte ein Amoklauf das öffentliche Leben in der bayerischen Landeshauptstadt München gelähmt, ein paar Tage zuvor ein junger Flüchtling mit einer Axt in einer Regionalbahn in Würzburg Schrecken unter der Bevölkerung verbreitet.

Pfarrer Meister ist auch am Tag nach dem Anschlag noch zutiefst bestürzt - überrascht habe ihn das Attentat aber nicht: «Mir war bewusst, dass so was überall und immer passieren kann», sagte der 50-Jährige. «Ich empfinde nur einfach eine große Dankbarkeit, dass meine 10, 15 und 18 Jahre alten Kinder zum Zeitpunkt der Explosion in Sicherheit waren».