Terror in Europa: Festnahmen und Tote nach Zugriff bei Paris

Denis/Hannover (dpa) - Bei einem von heftigen Schusswechseln begleiteten Anti-Terror-Einsatz in der Nähe von Paris hat die französische Polizei sieben mutmaßliche Komplizen der Attentäter vom Freitag festgenommen.

Zwei weitere Terrorverdächtige kamen ums Leben, wie die Staatsanwaltschaft berichtete. Eine Frau sprengte sich in die Luft, als Spezialkräfte eine Wohnung in Saint-Denis nördlich der Hauptstadt stürmten. Ein Mann wurde von Schüssen und Granaten tödlich verletzt.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte bei der Herbsttagung des Bundeskriminalamtes (BKA): «Die Bedrohungslage für Europa und auch für Deutschland ist ernst - wirklich ernst.» Nach allem, was bisher bekannt sei, seien die Attacken in Paris das Ergebnis oder Teil einer ersten koordinierten Anschlagsserie der Terrormilliz Islamischer Staat (IS) auf dem Kontinent. Vermutlich seien es nicht die letzten gewesen.

Die französische Polizei hatte aus abgehörten Telefonaten Hinweise erhalten, dass sich der mutmaßliche Drahtzieher der Terrorserie mit 129 Todesopfern, Abdelhamid Abaaoud, in der Wohnung in Saint-Denis aufhalten könnte.

Ob der meistgesuchte Islamist Belgiens, der für den IS in Syrien gekämpft haben soll, den Spezialkräften ins Netz ging, blieb zunächst unklar. Der Mann mit marokkanischen Wurzeln lebte früher in der Brüsseler Islamistenhochburg Molenbeek.

Seit der Mordserie am vergangenen Freitag kam es in Frankreich zu 414 Hausdurchsuchungen, wie Innenminister Bernard Cazeneuve mitteilte. 64 Personen wurden demnach vorläufig festgenommen, 60 von ihnen kamen in Polizeigewahrsam. 118 Menschen seien unter Hausarrest gestellt worden. 75 Waffen wurden beschlagnahmt.

Die Bundesregierung und die deutschen Sicherheitsbehörden verteidigten die kurzfristigen Absage des Fußball-Länderspiels Deutschland-Niederlande am Dienstagabend. Merkel sagte, die Sicherheitsbehörden hätten eine verantwortliche Entscheidung getroffen. BKA-Präsident Holger Münch sagte: «Diese Absage war unvermeidlich, weil es einen ernstzunehmenden Hinweis auf einen geplanten Anschlag gegeben hat.»

Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD), betonte, es gebe aktuell keine konkreten Terrorhinweise für andere Orte in Deutschland. Die Bedrohung in Hannover sei «sehr isoliert» gewesen, Die Deutsche Fußball Liga erklärte, die Bundesliga-Spiele am Wochenende sollten stattfinden.

Bei dem Zugriff in Saint-Denis wurden fünf Mitglieder einer Spezialeinheit leicht verletzt, wie die Polizei mitteilte. Die Aktion dauerte rund sieben Stunden. Zwischenzeitlich waren Explosionen zu hören. Währenddessen saßen 000 zu bis 20 000 Anwohner in ihren Wohnungen fest, wie die Zeitung «Le Parisien» berichtete.

Die Polizei fahndet auch noch nach dem 26-jährigen Franzosen Salah Abdeslam, den die französischen Ermittler für einen der Attentäter halten. Außerdem könnte nach Informationen aus Ermittlerkreisen möglicherweise noch ein weiterer Terrorist entkommen sein.

Wie erst jetzt bekanntwurde, hatte die ungarische Polizei am vergangenen Samstag den britischen Islamisten und Hassprediger Abu Izzadeen in einem Schnellzug auf dem Weg nach Rumänien festgenommen. Der 40-Jährige und ein weiterer 44-jähriger britischer Islamist waren den Polizisten im Grenzbahnhof Lököshaza aufgefallen, weil sie keine gültigen Reisedokumente vorweisen konnten, berichtete das ungarische Portal blikk.hu. Beide Männer hatten in Großbritannien Haftstrafen wegen Terrorunterstützung verbüßt. Sie waren unter der Auflage entlassen worden, das Land nicht zu verlassen.

Auch in Syrien geht Frankreich weiter massiv gegen die IS-Terrormiliz vor, die sich in einer nicht verifizierten Mitteilung zu der Blutbad vom Freitag bekannt hatte. Bei Luftangriffen französischer Jets und Flugzeugen anderer Nationen auf die nordsyrische IS-Hochburg Al-Rakka wurden in den vergangenen drei Tagen mindestens 33 Extremisten getötet. Zudem gebe es Informationen über weitere Opfer, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Familien hochrangiger IS-Anführer seien wegen der Angriffe aus Al-Rakka gebracht worden.

In Zusammenarbeit mit den USA wolle die Türkei nun auch die rund 100 verbleibenden Kilometer der Grenze zum Nachbarland Syrien schließen, sagte US-Außenminister John Kerry dem Fernsehsender CNN. Es geht um einen Abschnitt, der auf syrischer Seite unter IS-Kontrolle steht.

Zwei Flugzeuge der französischen Fluggesellschaft Air France wurden nach anonymen Drohungen umgeleitet. Eine Maschine sei in Los Angeles gestartet und auf dem Weg nach Paris auf einen Flughafen in Salt Lake City gelotst worden, teilte der Flughafen mit. Eine zweite Maschine mit 298 Menschen an Bord war von Washington nach Paris aufgebrochen, musste aber im kanadischen Halifax wieder landen.

Auch die schwedische Sicherheitspolizei sieht eine erhöhte Terrorbedrohung für das eigene Land. Sie hob die Warnstufe von «erhöhte Bedrohung» (3) auf «hohe Bedrohung» (4) an. Es ist die zweithöchste Gefahrenstufe auf der Skala.