Theater zum Frösteln: «The Dark Ages» uraufgeführt

Es ist verstörend, wenn der muslimische Bosnier Sudbin Music über die Ungeheuerlichkeiten berichtet, die Menschen anderen Menschen antun können.

Über ethnische Säuberungen, Tod, Folter und Vertreibung während des Bosnienkrieges. Ganz ruhig und abgeklärt - und alles in dem anmutigen, fast ein wenig kindlichen Idiom seiner Muttersprache.

Neben Schauspieler Music, der in dem Konflikt fast alle Verwandten und Freunde verlor, spielen drei Protagonisten aus Bosnien, Serbien und Russland. Als deutscher Darsteller steht Manfred Zapatka am Samstag im Münchner Marstall-Theater bei der Uraufführung von «The Dark Ages» auf der Bühne. Der zweite Teil zwei von Milo Raus Europa-Trilogie ist ein intensives, tief beunruhigendes Stück, das verhalten beklatscht wurde. Jubel wäre hier einfach fehl am Platze.

Rau ist einer der wichtigsten und umstrittensten Vertreter des sogenannten post-dramatischen Theaters. Der Schweizer brachte auch schon «Breiviks Erklärung» auf die Bühne, die wirren Ergüsse des norwegischen Rechtsterroristen und 77-fachen Mörders Anders Breivik. Und im ersten Teil seiner Europa-Trilogie «The Civil Wars», vergangenen Sommer mit großem Erfolg herausgekommen am Züricher Theater, ging es um den syrischen Bürgerkrieg und die Terrorgruppe «Islamischer Staat». Was Rau macht, liegt irgendwo zwischen Inszenierung und zeitgeschichtlicher Dokumentation und gewinnt durch die authentischen Erzählungen der Schauspieler eine besondere Nähe.

Jetzt blickt Rau zurück in die Jahre 1992 bis 1995, als der Balkan zum Schauplatz eines Vernichtungskrieges vor allem gegen die bosnischen Muslime wurde. Das Bühnensetting ist denkbar einfach: Man sieht eine steinerne Rednertribüne, wie sie auf dem Nürnberger Reichparteitagsgelände stand, wo Hitler sich in seinen Hasstiraden erging. Die Schauspieler drehen das Objekt - auf der Rückseite kommt ein unordentliches Büro zum Vorschein, mit Aktenordnern, Computer, Telefon, einer Weltkarte und einer Postkarte mit dem Konterfei des Kriegsverbrechers Radovan Karadzic: «Wanted. Dead Or Alive».

Es ist das Büro der NGO Prijedor 92, in dem sich Music und seine Mitstreiter für die Belange der Opfer des bosnischen Genozids engagieren. Hier erzählen die fünf Schauspieler zwei Stunden lang, was ihnen in ihrem Leben ganz real widerfahren ist. Ihre Gesichter werden live gefilmt und auf eine Leinwand über dem Büro projiziert.
was die Berichte noch intensiver wirken lässt.

Da ist Vedrana Seksan, Schauspielerin am bosnischen Nationaltheater, die die Belagerung Sarajevos durch die Serben mit- und überlebte. Man hängt dieser Frau an den Lippen, wenn sie über Kälte, Hunger und den alltäglichen Terror der Scharfschützen und Granatwerfer berichtet, wie ihre Mutter im Morgenmantel und Pantoffeln ihren Bruder ins Krankenhaus brachte und abends blutbesudelt als «surreale Lady Macbeth» heimkehrte. Sie war es, die als Reporterin des bosnischen Fernsehens über einen Besuch des UN-Generalsekretärs berichtete, dem sie vorhielt, warum die internationale Gemeinschaft dem Sterben kein Ende bereite und der nur «Mea culpa, mea maxima culpa» stammelte.

Nur wenig besser erging es Sanja Mitrovic, die die Nächte, in der die NATO Serbien bombardierte, durchgetanzt hat. Trotz Lebensgefahr. «Ich hatte damals meine beste Zeit», sagt sie. Sozusagen die historische Klammer bilden die Berichte der Russin Valery Tscheplanowa, die vom fernen Kasan in den Westen übersiedelte und ihren Vater zurücklassen musste.

Und dann Manfred Zapatka. Der große Schauspieler, Heroe aus Dieter Dorns Zeiten am Münchner Residenztheater, zu dem der Marstall gehört, erinnerte sich ans Ende des Zweiten Weltkrieges, an Bombennächte und Einquartierung und spinnt den Faden fort bis zum Tod seines Vaters.