Tiefe Verbeugung vor Soul-Patriarch Pops Staples

Wenn sich in der Popmusik eine Stimme quasi aus dem Grab erhebt, hat das oft etwas Geschmackloses an sich. Nicht so im Fall des vor gut 14 Jahren gestorbenen Soul-, Blues- und Gospel-Mannes Pops Staples.

Tiefe Verbeugung vor Soul-Patriarch Pops Staples
Paul Natkin Tiefe Verbeugung vor Soul-Patriarch Pops Staples

Sein jetzt posthum erschienenes Album «Don't Lose This» (dBpm/Anti/Indigo) wurde von Tochter Mavis liebevoll betreut und mit anrührenden Liner-Notes versehen. Stilsicher produziert hat das zehn Songs umfassende Werk der große Pops-Staples-Fan Jeff Tweedy (Wilco), der die Originalaufnahmen von 1998 nur leicht bearbeiten musste. «Die einzigen Dinge, die wir hinzufügten, waren Bass, Schlagzeug und etwas Gitarre und Keyboards hier und da», sagte Tweedy dem «Uncut»-Magazin. Ansonsten habe man sich auf Staples' würdevollen Altherren-Gesang und sein Gitarrenspiel konzentriert, das damals sehr gut aufgenommen worden sei.

Und natürlich waren da noch die tollen Vocals der Staples-Töchter Mavis, Cleotha und Yvonne. Zusammen bildeten diese vier Familienmitglieder die 1951 von Roebuck «Pops» Staples gegründete R&B- und Gesangsgruppe The Staple Singers, die 1968 mit «I'll Take You There» sogar Platz 1 der US-Singlecharts und über die Jahre Legendenstatus erreichte. Der Familienpatriarch veröffentlichte 1992 seine erste Soloplatte «Peace To The Neighborhood», mit dem Nachfolger «Father Father» von 1994 holte er einen Grammy für das beste zeitgenössische Bluesalbum.

Nun also, lange nach dem Tod von Pops Staples mit 85 im Jahr 2000, das dritte Album als Neuentdeckung der späten Aufnahmen des Soul-Veteranen. «Es sollte unsere letzte gemeinsame Arbeit werden», erzählt Mavis Staples, die erst kürzlich selbst unter Tweedys Produzenten-Regie zu Grammy-Ehren kam. «Meine Schwestern und ich entschieden uns, Pops singen zu lassen, ihm diesmal den Vortritt zu lassen.» Beim Anhören der noch unveröffentlichten Lieder habe der Vater später gesagt: «Lass das nicht verloren gehen» - daraus ergab sich der Albumtitel «Don't Lose This».

Es hat sich sehr gelohnt, dass Mavis Staples und Jeff Tweedy diese Sessions tatsächlich nicht verloren gaben. Man fühlt sich an die großen Zeiten von Folk und Soul erinnert, wenn man etwa die wunderbare Feier einer lebenslangen Freundschaft mit dem Titel «Friendship» hört. Oder den nur von Pops Staples' Gesang und E-Gitarre geprägten Country-Blues «Nobody's Fault But Mine» und «Will The Circle Be Unbroken», zwei Originale dieses großen Songwriters.

Mit dem lässig groovenden «No News Is Good News» und «The Lady's Letter» knüpfen der greise Mann und seine stimmgewaltigen Töchter bei ihren Gospel/Soul-Hits der 60er Jahre an. Und mit Bob Dylans «Gotta Serve Somebody» geht das Album angemessen grandios zu Ende.

Jeff Tweedy hat Gitarre und Bass gespielt und behutsam in das spartanische Klangbild integriert, sein Sohn Spencer (18) saß am Schlagzeug. Die beiden hatten ja gerade erst im Herbst 2014 unter ihrem Familiennamen mit «Sukierae» eines der besten Alben des Jahres hervorgebracht und auch live präsentiert, sind also bestens eingespielt. «Als ich gefragt wurde, sagte ich Mavis, wie sehr ich mich geehrt fühle, und dass ich etwas machen wolle, worauf ihr Vater stolz sein könnte», sagte Tweedy zu «Uncut».

Das ist ihm gelungen. «Don't Lose This» ist ein Album voller Wärme, Respekt und Liebe für einen hochverehrten Musiker und Menschen. Besonders bewegend, wie Pops und Mavis am Ende von «Sweet Home» miteinander sprechen: «Was hältst Du davon?» fragt er. «Das was gut, Daddy», antwortet die Tochter. Und dann brechen beide in ein vertrautes Gekicher aus. Auf diese Huldigung können also sowohl die Staples' als auch die Tweedys stolz sein. Und nun möge der Wilco-Boss nach diversen Produzenten- und Solo-Jobs bitte das lange überfällige neue Album seiner Band abliefern...