Tränen in Slowenien: «Wir sind doch Menschen und keine Tiere!»

Am kleinen Grenzfluss Sutla zeigt sich in diesen Tagen das ganze Versagen Europas. Ohne jede Absprache schickt Kroatien die Menschen über die Grenze.

Tränen in Slowenien: «Wir sind doch Menschen und keine Tiere!»
Antonio Bat Tränen in Slowenien: «Wir sind doch Menschen und keine Tiere!»

Seitdem Ungarn vor gut einer Woche auch die Grenze zu Kroatien dichtgemacht hat, ist das kleine Slowenien zum Transitland für Zehntausende von Flüchtlingen geworden. «Wir haben hier völliges Chaos», sagt Simona Potočar vom kirchlichen Hilfswerk Adra Slovenija. «Die Menschen kommen ganz erschöpft und ausgehungert an.»

Allein im 700-Seelen-Dorf Dobova bei Brežice sind am Montag mehr als 5000 Flüchtlinge in zwei umzäunten Lagern untergebracht. «Warum werden wir hier wie in einem Gefängnis festgehalten?» fragt der erst 17 Jahre alte Marokkaner Ali Bemhamo in einem Lager direkt an der Dorfkirche. «Das ist nicht gerecht! Wir sind doch Menschen und keine Tiere!»

Er habe sich mit seinem Bruder zu dem langen Weg über die Türkei und die Balkanländer entschlossen, weil er Angst vor der gefährlichen Fahrt über das Mittelmeer gehabt habe, erzählt Ali. Vor fünf Jahren seien seine Eltern gestorben. Jetzt wolle er sich in Deutschland eine neue Zukunft aufbauen, studieren und arbeiten.

Eine 20-jährige Studentin aus Damaskus bricht auf dem Weg zu einem Zug im Bahnhof Dobova in Tränen aus. «Wie kann man Menschen so behandeln?!» sagt sie, ehe ein Polizist das Gespräch beendet: «Stören Sie nicht unsere Vorbereitungen für den Transport!»

Die Einsatzkräfte sind angespannt. In Brežice gingen am vergangenen Mittwoch mehrere Zelte in Flammen auf, als Flüchtlinge gegen die Zustände dort protestierten. Das zweite Lager in Dobova, an der jetzt gesperrten Straße nach Rigonce gelegen, ist von Soldaten und Polizisten abgeriegelt. Ein Soldat sagt, dort sei es am Morgen zu Protesten gekommen.

Über dem Lager an der Kirche hängen am Morgen dichte Rauchschwaden. Die Flüchtlinge haben Feuer entzündet, um sich vor der Herbstkälte zu schützen. Männer und allein reisende Frauen hätten im Freien übernachten müssen, erklärt die Helferin Potočar. Der Platz in einer Halle habe nur für die Familien ausgereicht.

«Es ist verrückt hier», klagt Said Zarkiri, ein 26-jähriger Iraner. «Die Polizei ist so wütend.» Trotz der kalten Nacht im Freien habe es keine Decken und keine Jacken gegeben. Auch Nahrungsmittel und Getränke gebe es zu wenig. Sein Cousin habe nach tagelängen Märschen in Kroatien ein wundes Bein, das noch nicht versorgt worden sei.

«Die humanitäre Situation ist sehr schwierig. Aber wir tun alles, was wir können», sagt Simona Potočar. Jeden Tag sei sie 16 Stunden auf den Beinen.

Es seien überall die ersten Lager hinter einer Grenze, in denen die Zustände besonders kritisch seien, hat der aus Syrien geflohene Palästinenser Fahid beobachtet. Er hat es schon bis Šentilj geschafft, an der slowenischen Grenze zu Österreich. Dort sind die Verhältnisse sehr geordnet, jeder hat ein Feldbett und an der Ausgabe der Mahlzeiten gibt es kein Gedränge. Eine slowenische Soldatin vor der Grenzlinie zum österreichischen Nachbardorf Spielfeld lächelt entspannt und sagt: «Wenn es nach uns geht, können alle hier weiterziehen. Aber dafür muss Österreich die Grenze wieder öffnen.»

Ein solches «Durchwinken von Flüchtlingen» soll es nach dem Beschluss des Brüsseler Krisentreffens der EU mit den Regierungschefs der Westbalkanländer künftig nicht mehr geben. Europa setzt zugleich auf verstärkte Grenzkontrollen: «Wir werden Flüchtlinge oder Migranten entmutigen, zur Grenze eines anderes Landes der Region zu ziehen.»

«Ich bin ein freier Mann», protestiert ein etwa 40-jähriger Syrer in Dobova. «Warum werde ich hier hinter Gittern festgehalten?» Dann schlägt Verzweiflung in Erleichterung um: «Du und Dein Sohn, ihr könnt rauskommen», sagt ein Rotkreuzhelfer und führt den Vater mit seinem hinkenden Jungen aus dem Lager.