Trauer in Haltern: «Plötzlich sind die Kinder nicht mehr da»

An Unterricht ist an diesem Tag der Trauer nicht zu denken: Schüler, Eltern und Lehrer des Gymnasiums in der westfälischen Stadt Haltern am See beklagen ihre 18 Toten. Auf den Stufen vor der Schule flackern schon seit Dienstagabend Dutzende Kerzen, es werden mehr und mehr.

Die Schüler sind nicht zum Lernen gekommen, sondern um Blumen niederzulegen. Das Unfassbare muss irgendwie verarbeitet werden.

Die sonst so beschauliche Stadt am Rande des nördlichen Ruhrgebiets ist zu einem Ort geworden, in den der Flugzeugabsturz über den französischen Alpen besonders tiefe Wunden gerissen hat: 16 Schüler und zwei Lehrerinnen kehrten von einer achttägigen Austauschreise nach Spanien nicht zurück.

Am Dienstagnachmittag war der Unterricht abgebrochen worden, am Morgen danach ist die Schule der Ort, an dem Schüler und Lehrer zusammenkommen und ihre Trauer teilen. Mit bleichen Gesichtern betreten sie das Schulgelände, vorbei an den Kamerateams aus dem In- und Ausland, die über Nacht nach Haltern gekommen sind.

Vor der internationalen Presse berichtet der Schulleiter später sichtlich erschüttert von seinem Schmerz. Er wisse nicht, wie er überhaupt den kommenden Tag überstehen solle, sagt er, als er gefragt wird, was nun aus dem Spanischaustausch der Schule werde.

Eindrucksvoll schildert Ulrich Wessel den Schock, der die Schule erfasst hat. Von schluchzenden Schülern in der Aula des Gymnasiums. Von den zwei jungen Kolleginnen - eine habe erst im Herbst geheiratet, auch die andere habe Hochzeitspläne gehabt. Früher seien es 1283 Schüler gewesen, 16 müsse er abziehen nach dem schrecklichen Unglück.

Angereist sind auch NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann, mehrere Abgeordnete aus dem Landtag in Düsseldorf, der Regierungspräsident aus Münster. Sie alle sind tief betroffen, wollen ihre Anteilnahme ausdrücken, den Trauernden irgendwie zur Seite stehen. Trauer, die auch Bodo Klimpel, den Bürgermeister von Haltern, erfasst hat.

Die Bundeskanzlerin habe am Telefon ihre Anteilnahme ausgedrückt, der Bundespräsident übermittelte sein Beileid, sagt er. Aber vor allem in der Kleinstadt, die durch die internationale Medienöffentlichkeit auf den Kopf gestellt ist, sei große Anteilnahme da: «Man rückt dann halt in einer Stadt wie Haltern am See enger zusammen, um sich gegenseitig zu trösten».

Schon kurz nach Bekanntwerden des schrecklichen Unglücks hatte sich die Nachricht wie eine lähmende Decke über das Städtchen gelegt. An der Kirche in der Innenstadt lagen sich Trauernde in den Armen, nur das Schluchzen eines Mädchens durchbrach die Stille.

Die Fassungslosigkeit weicht auch nicht am Tag danach. «Jeder zweite, an dem man vorbeikommt, weint. Die Stadt ist klein, alle wissen Bescheid und können es nicht begreifen», sagt Laura Jungblut. Die 22-Jährige arbeitet ganz in der Nähe der Schule, sie kommt jeden Morgen am Joseph-König-Gymnasium vorbei. Heute ist alles anders.

Auch für Karin Keysselitz: «Das ist ganz unfassbar. Von jetzt auf gleich sind die Kinder nicht mehr da. Und die Lehrerinnen auch nicht», sagt sie. Die 45-Jährige ist selbst Mutter eines Schülers des trauernden Gymnasiums, eine der verunglückten Lehrerinnen unterrichtete ihn. «Wenn man sonst von solchen Unglücken hört, ist das soweit weg. Jetzt ist es hier in unserem Haltern».

Wie zahlreiche seiner Mitschüler sei es auch ihrem Sohn wichtig gewesen, an diesem Tag in der Schule zu sein. Reden, das sei jetzt wichtig. Sie selbst will mit einer Freundin weiße Tulpen niederlegen. Als die beiden Frauen vor dem Bahnhof zusammentreffen, gibt es nur Tränen. Arm in Arm gehen sie zur Schule.

Die Schule soll an diesem Tag zu einem Ort des Gespräches werden. Seelsorgerteams sind vor Ort. Wann die einzelnen Klassen zu einem regulären Unterricht zurückkehren können, ist völlig ungewiss. Am Vormittag treten immer wieder schweigend Schülergruppen vor die Schule, lassen das Lichtermeer für ihre Mitschüler und Lehrerinnen auf den Stufen wachsen, fassungslos über die Lücke in ihrer Mitte.