Trauer um Architektur-Visionär Frei Otto

Trauer um den Schöpfer der berühmten Zeltdachkonstruktion des Münchner Olympiastadions: Der Star-Architekt Frei Otto ist tot. Posthum wird der Pionier des Leichtbaus mit dem renommierten Pritzker Preis geehrt, der als «Nobelpreis der Architekten» gilt.

Trauer um Architektur-Visionär Frei Otto
Frank Mächler Trauer um Architektur-Visionär Frei Otto

Otto lebte mit seiner Frau in Leonberg bei Stuttgart. Frei Otto starb nach Angaben seiner Frau Ingrid bereits am Montag, zwei Monate vor seinem 90. Geburtstag.

Otto sei nicht nur Architekt, sondern auch «Forscher, Erfinder, Form-Finder, Ingenieur, Baumeister, Lehrer, Mitarbeiter, Umwelt-Aktivist, Humanist und Schöpfer unvergesslicher Gebäude und Orte» gewesen, begründete die Jury des Pritzker Preises ihre Wahl. Otto ist erst der zweite Deutsche - nach Gottfried Böhm 1986 - der den seit 1979 jährlich verliehenen Preis erhält.

Die Universität Stuttgart bezeichnete Otto als «großen Gestalter». Otto habe in bedeutendem Maß zum internationalen Renommee der Fakultäten Architektur und Stadtplanung sowie Bau- und Umweltingenieurwissenschaften beigetragen, sagte Rektor Wolfram Ressel. Prägend sei seine «intensive interdisziplinäre Arbeitsmethode» gewesen. «In unsere Trauer mischt sich Freude über die Nachricht, dass Frei Otto posthum den Pritzker-Preis erhalten soll», sagte Ressel.

Auch der Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg, Markus Müller, würdigte die Verdienste: «Wir verlieren eine große Architektenpersönlichkeit. Auch als Lehrer hat er ganze Generationen geprägt und den Weg für eine neue Formgebung bereitet.» Die Multihalle in Mannheim sowie das eigens für ihn gegründete Institut für Leichte Flächentragwerke legen davon Zeugnis ab.

Der 1925 im sächsischen Siegmar geborene Otto war Sohn eines Bildhauers und Schüler des Star-Architekten Mies van der Rohe (1886-1969). Neben der Zeltdachkonstruktion des Münchner Olympiastadions entwarf er gemeinsam mit Kollegen unter anderem auch den Japanischen Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover und das Spinnennetzdach über dem Deutschen Zeltpavillon für die Weltausstellung 1967 in Montréal. In Köln überdachte er den Tanzbrunnen im Rheinpark und in Bremen konstruierte er das Dach der St.-Lukas-Kirche. Auch in Mannheim oder Kassel war er tätig. Zudem trägt der Tuwaiq Palace im saudi-arabischen Riad Ottos Handschrift.

Eine Zeit lang arbeitete er auch am umstrittenen Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 mit, distanzierte sich dann aber davon. Seiner Wahlheimatstadt Leonberg hatte ihn 2000 zum Ehrenbürger ernannt. Dort schuf er sogar mal einen Brunnen im Gedenken an den Dichter Christian Wagner. Laut Stadt soll Otto «angemessen gewürdigt werden» - etwa mit einer Straße oder einem Platz.

Die Jury des Pritzker-Preises hatte den Preisträger eigentlich erst in rund zwei Wochen benennen wollen, die Verkündung dann aber vorgezogen. «Die Nachricht von seinem Tod ist sehr traurig», sagte Tom Pritzker, der Vorsitzende der Hyatt-Stiftung, die den Preis verleiht. Die renommierte Auszeichnung werde somit erstmals posthum verliehen. Otto habe aber vor seinem Tod noch von der Ehrung erfahren. «Ich habe nie etwas getan, um diesen Preis zu erhalten», habe er der Jury daraufhin gesagt. «Das Gewinnen von Preisen ist nicht mein Lebensziel. Ich versuche, armen Menschen zu helfen. Aber was soll ich sagen, ich bin sehr glücklich.»