Tröglitz und die Brandstifter

Rotes Flatterband sperrt die Ernst-Thälmann-Straße in Tröglitz ab. Dahinter stehen Feuerwehr-Löschwagen und Polizeiautos, Stoßstange an Stoßstange.

Tröglitz und die Brandstifter
Hendrik Schmidt Tröglitz und die Brandstifter

In dem kleinen Ort im Süden Sachsen-Anhalts riecht es nach Rauch. Aus dem frisch sanierten Haus, in das Ende Mai 40 Flüchtlinge einziehen sollten, ragen pechschwarz verkohlte Dachbalken in den Himmel.

Das Feuer brach in der Nacht zum Ostersamstag aus. Um 2.00 Uhr nachts. Gegen Mittag sagen die Ermittler: Der dreigeschossige Wohnblock wurde definitiv angezündet, vermutlich mit Brandbeschleuniger. Ein deutsches Paar, das im angrenzenden Block wohnt, konnte von aufmerksamen Nachbarn geweckt und gerettet werden.

Ein politisches Motiv wollten Polizei und Staatsanwaltschaft unter Hinweis auf den Beginn der Ermittlungen zunächst nicht direkt bestätigen. «Es liegt jedoch im Gesamtzusammenhang nahe», sagte die zuständige Polizeipräsidentin Christiane Bergmann. Ähnlich äußerte sich der Direktor des Landeskriminalamts, Jürgen Schmökel. Er sprach von «einem gemeinen Anschlag und dem politisch fast schon nicht auszuschließenden Hintergrund».

Es ist eine weitere Eskalation des Konflikts um die geplante Aufnahme von Flüchtlingen in dem 2700 Einwohner zählenden Ort im Burgenlandkreis. Bereits Anfang März geriet Tröglitz in die Schlagzeilen, weil der ehrenamtliche Bürgermeister Markus Nierth wegen rechtsextremer Anfeindungen zurückgetreten war. Er gab auf, nachdem ein NPD-geführter Protestzug direkt vor seiner Haustür genehmigt worden war. Nierth fühlte sich von Politik und Zivilgesellschaft im Stich gelassen.

Trotz der persönlichen Drohungen und zwischenzeitlichem Schutz durch das Landeskriminalamt engagiert der 46 Jahre alte Nierth sich weiter im Ort. Er nennt das Feuer eine «riesige Schande für Tröglitz». Er sei wütend, dass die braune Saat soweit aufgegangen sei, dass in dem Ort Häuser brennen, in denen hilfebedürftige Familien unterkommen sollten. «Wir müssen uns dagegen stellen, denn sonst gewinnt die pöbelnde Minderheit.»

Für ihn sind die rechtsextremen NPD-Mitglieder zumindest die geistigen Brandstifter dieser Tat. Sie hatten seit Jahresanfang jeden Sonntag zu Protest-Demonstrationen gegen das Asylbewerberheim aufgerufen. Dieselben NPD-Anhänger versuchten erst vor wenigen Tagen auf einer Bürgerversammlung, Stimmung gegen die Flüchtlinge im Ort zu machen. Der gut vorbereitete Landrat des Burgenlandkreises, Götz Ulrich (CDU), und engagierte Redner unter den 500 Zuhörern ließen die Rechtsextremen jedoch auflaufen.

Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sieht die Rechtsextremen und die NPD zumindest im Umfeld der Brandstiftung. An den bisherigen Aktivitäten der NPD-Kreistagsfraktion in Tröglitz sehe man, «dass diese Personen den geistigen Nukleus darstellen für das, was sozusagen die Spitze jetzt erreicht hat in diesem furchtbaren Verbrechen».

Haseloff wollte sich noch am Samstagnachmittag ein Bild vom Brand in Tröglitz machen. Er, Landrat Ulrich und Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) wollten sich der spontanen Demonstration der Tröglitzer für Weltoffenheit anschließen. Ex-Bürgermeister Nierth und seine Bürgerinitiative «Miteinander - füreinander» hatte die Kundgebung kurzfristig organisiert.

Für alle Verantwortlichen ist klar: Die Flüchtlingsfamilien kommen trotzdem nach Tröglitz. Vielleicht später, aber sie kommen. Die geplante Unterkunft ist laut Polizei zwar unbewohnbar. Doch Landrat Ulrich will mit anderen Vermietern sprechen und neue Häuser finden. «Wir werden keinen Schritt zurückweichen» kündigte Ministerpräsident Haseloff an. «Hier geht es nicht nur um Verbrechensbekämpfung, hier geht es um unsere Demokratie.»