Triumph für Netrebko und Domingo in Berlin

Für einen Augenblick weht der Geist von Maria Callas durch Berlins Staatsoper: Als Anna Netrebko zur berühmten Liebesarie «Scordarmi di te» aus Verdis «Il Trovatore» an den Bühnenrand tritt, spürt wohl jeder im Saal: Es ist ein großer Abend für die berühmteste Sopranistin der Gegenwart, ihre Stimme ist makellos und zärtlich - und wie bei der Callas erscheint Netrebko als Gebrochene, die ihr tragisches Ende ahnt.

So wird dieses letzte Aufbäumen der Todgeweihten zum Triumph, die Ovationen halten Netrebko am Freitagabend noch einige Minuten an der Rampe. Sie bleibt reglos, in sich gesunken.

Es war für Netrebko der Abschluss einer turbulenten Woche. Am Montag hatte sie die Trennung von ihrem Lebensgefährten Erwin Schrott bekanntgegeben, dem Vaters ihres Sohnes. Netrebko und der Bass-Bariton galten jahrelang als Traumpaar der Klassik, ihre Liebe stellten sie immer wieder zur Schau.

Seit Monaten war die Premiere des «Troubadour» ausverkauft, auch für die weiteren Aufführungen gibt es längst keine Karten mehr. Auf dem Schwarzmarkt werden für den Höhepunkt der Berliner Opernsaison bis zu 900 Euro für ein Ticket verlangt. Denn nicht nur Netrebko, auch Plácido Domingo hatte sein Rollendebüt angekündigt. Der Spanier, der vor einigen Jahren vom Tenor- in das Baritonfach umstieg, tritt erstmals als Graf Luna auf - und er schlägt sich mit fast 73 Jahren nach einigen Anlaufproblemen tapfer.

Generalmusikdirektor Daniel Barenboim, der mit Domingo bereits «Simon Boccanegra» an der Staatsoper aufführte, hatte seinen Freund wieder für Berlin gewonnen. Domingo umgibt die Aura des Heldentenors, die einst große Stimme schimmert durch, die Schwächen gleicht er mit Bühnenpräsenz und Routine aus.

Barenboim, der den «Troubadour» auch zum ersten Mal dirigiert, dimmt die Staatskapelle zuweilen auf einen flüsternden Verdi-Ton herunter und überlässt den Sängern weitgehend das Feld. Neben Netrebko glänzt Marina Prudenskaja als die Baby-Mörderin Azucena. Gastón Rivero als Leonoras Geliebter Manrico wirkt dagegen eher blass.

Für seine Produktion ließ Regisseur Philipp Stölzl, der diesen «Troubadour» bereits für das österreichische Theater an der Wien inszeniert hatte, Netrebko zunächst in ein ausladendes Korsett-Kleid stecken - wie eine Puppe - , im zweiten Akt ist sie als Nonne zu sehen. Domingo wirkt im engen Mantel- und Degenkostüm etwas komisch, das enge Beinkleid und die Stiefel passen nicht so ganz zu ihm. Die Darsteller erinnern in ihren farbenfrohen Kleidern (Kostüme: Ursula Kudrna) an Comic-Figuren, die sich wie Marionetten auf der künstlich verengten Bühne bewegen.

Statt einer Kulisse werden Videoprojektionen auf zwei weiße Wände projiziert - 64 Felder, so viele wie ein Schachbrett hat. Stölzl, der sein Handwerk als Werbefilmer lernte, lässt für Verdis wohl krudeste Oper um Liebesverrat, Rache und einem verbrannten Baby Clips einspielen, die an Gemälde von Dali oder René Magritte erinnern. Und so erntet Stölzl am Ende auch einige Buhrufe - die unumstrittene Königin des Abends bleibt Anna Netrebko.