Türkei rügt Gaucks Völkermord-Aussage als unverzeihlich

Die Aussagen von Bundespräsident Joachim Gauck zum «Völkermord» an den Armeniern stürzen Deutschland in eine diplomatische Krise mit der Türkei.

«Das türkische Volk wird dem deutschen Präsidenten Gauck seine Aussagen nicht vergessen und nicht verzeihen», erklärte das Außenministerium des EU-Beitrittskandidaten am späten Freitagabend in Ankara. Die Grünen lobten den Bundespräsidenten für seine klaren Worte.

Gauck hatte die Massaker im Osmanischen Reich an bis zu 1,5 Millionen Armeniern im Ersten Weltkrieg am Donnerstagabend erstmals klar als Völkermord bezeichnet. Er setzte sich damit über Bedenken hinweg, diese Einordnung könnte die Beziehungen zum Nato-Partner Türkei beschädigen. Die Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs lehnt die Bezeichnung Völkermord ab.

Die Regierung in Ankara reagierte entsprechend scharf. Gauck habe keine Befugnis, der türkischen Nation eine Schuld anzulasten, die den rechtlichen und historischen Fakten widerspreche, hieß es in der Mitteilung des Außenministeriums. Die Regierung warnte vor «langfristigen negativen Auswirkungen» auf das deutsch-türkische Verhältnis.

Es ist nicht das erste Mal, dass Gauck in Ankara aneckt. Ende April 2014 hatte er bei einem Staatsbesuch der Regierung von Recep Tayyip Erdogan, der inzwischen Präsident ist, Demokratiedefizite vorgehalten. Erdogan wies dies damals als «Einmischung in innere Angelegenheiten» zurück.

Der Bundestag schloss sich am Freitag Gaucks Bewertung der Gräueltaten an den Armeniern an. «Das, was mitten im Ersten Weltkrieg im Osmanischen Reich stattgefunden hat, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, war ein Völkermord», sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Redner aller Fraktionen teilten diese Einschätzung. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) meldeten sich nicht selbst zu Wort.

Grünen-Parteichef Cem Özdemir dankte Gauck für dessen klare Worte. «Deutschland gehört nicht mehr zu den Leugnern des Völkermords», sagte Özdemir auf einem kleinen Parteitag der Grünen am Samstag in Berlin. Gauck sei ein «großartiger Bundespräsident». 

Die Massaker im Osmanischen Reich hatten am 24. April 1915 mit der Verhaftung Hunderter Intellektueller in Konstantinopel (Istanbul) begonnen. Im Kampf gegen das christliche Russland warf die osmanische Regierung den Armeniern vor, mit dem Feind zu paktieren. Nach Schätzungen kamen zwischen 200 000 und 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Die Armenier bezeichnen sich selbst als das weltweit älteste christliche Volk.

Nicht nur Gauck wurde in scharfem Ton gerügt, sondern auch die Präsidenten Frankreichs und Russlands. François Hollande wurde seine Teilnahme an einer Gedenkzeremonie in Armenien vorgehalten, die Ankara als «Verunglimpfung der türkischen Identität, Geschichte und Gesellschaft» einstufte. Die Russen erinnerte die türkische Regierung an eigene «Gräueltaten und Vertreibungen» im Kaukasus, in Zentralasien und Osteuropa während der vergangenen hundert Jahre, und speziell an absichtlich herbeigeführte Hungersnöte und unmenschliche Behandlungen türkischer und muslimischer Menschen.