Tuğçe A. verliert den Kampf mit dem Tod

Sie starb, weil sie anderen helfen wollte: Die Studentin Tuğçe A. ist ihren schweren Verletzungen nach einem Prügelangriff erlegen. Zwei Ärzte stellten ihren Hirntod fest. Heute wäre Tuğçe 23 Jahre alt geworden.

Tuğçe A. verliert den Kampf mit dem Tod
Boris Roessler Tuğçe A. verliert den Kampf mit dem Tod

Unklar ist, ob heute auch - wie zunächst geplant - die Geräte abgeschaltet werden, die nach dem Hirntod noch Körperfunktionen am Leben halten. Die Klinik wollte dies weder bestätigen noch dementieren.

Bei Hirntoten sind die Gesamtfunktionen des Gehirns unwiederbringlich erloschen. Der Mensch atmet auch nicht mehr. Durch künstliche Beatmung kann der Blutkreislauf aber erhalten werden.

Die Studentin war am 15. November nach einem Streit in einem Schnellrestaurant in Offenbach auf dem Parkplatz vor dem Lokal von einem jungen Mann mit einem Schlag niedergestreckt worden. Dabei fiel sie mit dem Kopf auf einen Stein und zog sich schwerste Schädel-Hirnverletzungen zu. Ihr Gesundheitszustand galt nach Angaben der Klinik von Anfang an als «äußerst kritisch».

Der mutmaßliche Täter, ein 18-Jähriger, sitzt in U-Haft und schweigt zu der Tat. Mit Tuğçes Tod wird gegen ihn wegen Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt. Für eine Tötungsabsicht gebe es keinen Anhaltspunkt, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Tuğçe soll nach Ansicht von Verwandten und Freunden in einem Akt von Zivilcourage versucht haben, einen Streit in dem Schnellrestaurant zu schlichten. Sie war nach Zeugenaussagen zwei Mädchen zur Hilfe geeilt, die im Toilettenbereich von mehreren jungen Männern, darunter dem mutmaßlichen Täter, belästigt wurden, wie die Staatsanwaltschaft bestätigte. Die Motivlage und die Frage, wie es genau zu dem Streit auf dem Parkplatz kam und dieser dann eskalierte, sei aber noch nicht geklärt.

Zeugen gesucht

Die Ermittler hoffen, dass sich die beiden blonden Mädchen melden, denen Tuğçes zur Hilfe gekommen war. Sie sollen zwischen 13 und 16 Jahre alt sein und an dem frühen Samstagmorgen stark betrunken gewesen sein.

Ein rund zehnminütiges Video, in dem Familienangehörige, Freunde und Fremde ihre Anteilnahme mit Tuğçe ausdrücken, wurde innerhalb weniger Tage im Internet rund 280 000 Mal aufgerufen. Hunderte hatten auch bei zwei Mahnwachen Trauer und Entsetzen über die Tat zum Ausdruck gebracht. Noch mehr Menschen wollen sich zum Gedenken an die junge Frau am Freitagabend - Tuğçes Geburtstag - vor dem Klinikum versammeln.

Seit den ersten Medienberichten über den Tod der jungen Frau am Mittwoch bekunden zahlreiche Menschen ihre Trauer in den sozialen Netzwerken. Im Internet kursiert auch bereits das Video eines Auftritts von Tuğçe bei ihrer Abiturfeier vor vier Jahren. Am Tatort erinnern mehrere Banner an das Mädchen: «Für mehr Zivilcourage» und «Ruhe in Frieden» ist darauf unter anderem zu lesen.