Türkei bestellt Botschafter wegen NDR-Satire ein

Eine Satire des Norddeutschen Rundfunks über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hat diplomatische Verwicklungen ausgelöst. Das Außenministerium in Ankara bestellte den deutschen Botschafter Martin Erdmann ein, um gegen den knapp zweiminütigen Film zu protestieren.

Türkei bestellt Botschafter wegen NDR-Satire ein
Legnan Koula Türkei bestellt Botschafter wegen NDR-Satire ein

Nach Angaben aus türkischen Diplomatenkreisen wurde in dem Gespräch ein Stopp der weiteren Ausstrahlung des Films gefordert.

Das Auswärtige Amt in Berlin schwieg zu der Einbestellung. Der Deutsche Journalisten-Verband nannte sie lächerlich. «Der türkische Machthaber Erdogan hat offenbar die Bodenhaftung verloren», sagte der DJV-Vorsitzende Frank Überall. Der Staatschef habe sich zum Gespött der sozialen Medien gemacht.

Auch der NDR kritisierte das Vorgehen Ankaras. «Dass die türkische Regierung wegen eines extra-3-Beitrags offenbar diplomatisch aktiv geworden ist, ist mit unserem Verständnis von Presse- und Meinungsfreiheit nicht vereinbar», sagte NDR-Fernseh-Chefredakteur Andreas Cichowicz der dpa.

Die Satire wurde am 17. März in der Sendung «extra 3» ausgestrahlt. Zur Melodie von Nenas «Irgendwie, irgendwo, irgendwann» wird darin Erdogans Vorgehen gegen Medien, Demonstranten und Kurden auf die Schippe genommen.

Im Text des Liedes mit dem abgewandelten Titel «Erdowie, Erdowo, Erdogan» heißt es zum Beispiel: «Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast.» Dazu werden Bilder gezeigt, wie ein Journalist abgeführt und eine Redaktion gestürmt wird. Aufnahmen eines Treffens zwischen dem türkischen Präsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), bei dem sich beide die Hände schütteln, sind versehen mit der Empfehlung «Sei schön charmant, denn er hat Dich in der Hand».

Über die Einbestellung des Botschafters berichtete zuerst «Spiegel Online». Die Redaktion von «extra 3» legte anschließend noch einmal nach und kürte Erdogan mit einem Foto auf ihrer Twitter-Seite zum «Mitarbeiter des Monats». Außerdem richtete sie eine provokante Frage an die deutsche Botschaft in Ankara: «Wir haben übrigens schon mal einen #Erdogan-Song gemacht. Kennen Sie den auch schon, @GermanyinTurkey?» - verlinkt wurde dann ein «extra 3»-Video von 2014, in dem Erdogan als Teufel dargestellt wird, der die Versammlungs- und Pressefreiheit unterdrückt.

Laut «Spiegel Online» sollte Erdmann ein weiteres Mal vom Außenministerium einbestellt werden. Diesmal solle es um seine Anwesenheit beim Prozess gegen zwei regierungskritische Journalisten der unabhängigen Zeitung «Cumhuriyet» am vergangenen Freitag gehen. Chefredakteur Can Dündar und Hauptstadtbüroleiter Erdem Gül wird unter anderem Spionage und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Ihnen droht lebenslange Haft.

Neben Erdmann nahmen auch andere diplomatische Vertreter teil, darunter der britische Generalkonsul Leigh Turner. Erdogan, der als Nebenkläger auftritt, kritisierte die Anwesenheit der Diplomaten am Samstag scharf. Am Montag richtete der Staatschef dann sogar eine indirekte Warnung an Turner, ohne dessen Namen zu nennen. «Wenn diese Person noch immer ihren Dienst in der Türkei fortführen kann, ist das unserem Edelmut und unserer Gastfreundschaft zu verdanken», sagte Erdogan nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu bei einer Veranstaltung in Istanbul.

Hintergrund ist eine regierungskritisch anmutende Twitter-Nachricht Turners, in der er schrieb, die Türkei entscheide selbst, was für ein Land sie sein wolle. Erdogan erklärte, damit sei eine Grenze überschritten worden.

Der islamisch-konservative Staatspräsident weist regelmäßig Vorwürfe zurück, die Pressefreiheit in der Türkei werde eingeschränkt. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 149 von 180 Staaten. Einheimische kritische Medien sind unter besonders großem Druck. So wurde Anfang März in der Türkei die größte Oppositionszeitung «Zaman» unter staatliche Kontrolle und auf Regierungskurs gezwungen.