Udo Lindenberg: «Lasst die Toleranzen tanzen!»

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema deutsch-deutsche Teilung durch das Werk von Rockmusiker Udo Lindenberg (68). Beharrlich kämpfte er immer wieder um einen Auftritt in der DDR.

Udo Lindenberg: «Lasst die Toleranzen tanzen!»
Franz-Peter Tschauner Udo Lindenberg: «Lasst die Toleranzen tanzen!»

Er wusste, er hatte dort viele «Panik-Sympathisanten», wie der Deutsch- und Panikrocker seine Fans nennt. In seinen «Udopien» träumte er vom wiedervereinten Deutschland. Sind diese 25 Jahre nach dem Mauerfall wahr geworden? Im dpa-Interview spricht der in Hamburg lebende Rockstar, den alle nur Udo nennen, darüber.

Udo, Du sagst, man sollte nicht zu oft in den «Rückspiegel» des Lebens schauen. Wenn Du es nun zum 25. Jahrestag des Mauerfalls tust: Was siehst Du dann?

Udo Lindenberg: «Diese Scheißmauer, die so unendlich viel Leid und Trouble gebracht hat. Ich hab immer gedacht: Reißt sie ein, und uns wird besser sein. Ich sehe all die Tränen und Dramen und den ganzen Stasi-Schrott inklusive Fan-Folter. Ich erinnere mich an viele große und kleine Ost-West-Storys. Auch die Romeo-und-Julia-mäßige Geschichte zwischen mir und meinem Mädchen aus Ost-Berlin - ey, wir wollten doch einfach nur zusammen sein. Oder die Sache mit dem «kleinen Udo», den sie nur einmal rübergelassen haben, in ihren «Palazzo Protzo», danach nie wieder. Weil DDR-Oberindianer Honecker Horror hatte, dass seine Leute freidrehen und nach mehr Locker-Style und Panik verlangen. Doch immer wieder war da diese Hoffnung: Es kommt der Tag und dann ist Schluss mit Stuss. Das Staatsgefängnis wird gesprengt. Mit schlauer sanfter Hand der Bürgerrechtsbewegung von Leipzig und den anderen Städten. Ne, so was Absurdes wie die Mauer wird nicht ewig halten!»

Und wenn Du heute Deine Sonnenbrille abnimmst und Dir das wiedervereinte Deutschland anschaust?

Udo Lindenberg: «Der Mauerfall, die ersten Konzerte im Osten - das war eine einzige geile Party, gigantische Gefühle, ein Freudentränenmeer, für das man Schwimmflossen brauchte. Eine solche Flut von Emotionen und Eindrücken, da musste man erst mal den Hut abnehmen und tief durchatmen. Und dann saßen wir plötzlich alle im selben Boot, mega-optimistisch, und träumten von blühenden Landschaften. Na ja, so schnell gings dann doch nicht. Ein ganz neues Riesenorchester, da muss man hier und da die Balalaikas noch mal 'n bisschen nachstimmen. Ist doch logisch: Vierzig Jahre im selben und doch im anderen Land - natürlich bleiben da erst noch 'n paar Dissonanzen bei so 'ner riesen-konzertierten Aktion. Aber insgesamt, schon 'n überzeugendes Ding, wie wir alle zusammen wieder ganz schnell auf die Füße gekommen sind. Geil! Gibt zwar immer noch 'n paar Mauerreste in manchen Köpfen. Aber keine Panik - die kriegen wir auch noch weg.»

Was sagt der Blick durchs Fernglas? Wie sieht Deine neue «Udopie» von Deutschland aus?

Udo Lindenberg: «Deutschland kommt gut nach vorn, entwickelt sich ganz cool in die richtige Richtung, finde ich. Lasst die Toleranzen tanzen! Wir sind auf 'nem guten Weg, eines der tolerantesten Länder der Welt zu werden. Aber es kann sich jetzt keiner zurücklehnen, es gibt noch 'ne Menge zu tun und zu sensibilisieren. Wir müssen Mauern der Ignoranz einreißen, beim Thema Flüchtlinge darf keiner weggucken. Und die Krawalle von Hooligans und Neonazis in Köln sollten uns wirklich alle hellwach machen - gegen diese dumpfen national-rassistischen Sprüche muss jeder seine Stimme erheben. Rock 'n' Roll für die Bunte Republik Deutschland! Und Bildung für jeden als highligster Auftrag - von wegen Honecker war eine Knackwurstfirma in Pisa!»