Umfrage: Die meisten Bürger finden den Wahlkampf langweilig

Das Kanzlergehalt schien wichtiger als Finanzmarktregulierung und Mindestlohn, der grüne «Veggie Day» stellte Spekulationsgeschäfte mit Nahrungsmitteln in den Schatten. Aber den Nerv der Bürger trifft dieser Wahlkampf nicht.

Zwei Drittel der Deutschen finden den Wahlkampf langweilig. Bei einer am Mittwoch veröffentlichten Forsa-Umfrage für das Magazin «Stern» sagten 67 Prozent, sie fänden den Wahlkampf weniger oder überhaupt nicht interessant. Gerade einmal 3 Prozent antworteten, der Kampf der Parteien um Wählerstimmen sei «sehr interessant», jeder Vierte entschied sich für «interessant».

Mit den Themen des Wahlkampfs waren knapp die Hälfte der Befragten einverstanden. 46 Prozent meinten dagegen, die Themen hätten die Interessen der Menschen nicht getroffen. Beinahe zwei Drittel (62 Prozent) hätten sich mehr Informationen von den Parteien gewünscht. Für die Umfrage mit Blick auf die Bundestagswahl am kommenden Sonntag (22. September) hatte Forsa 1000 Bürger befragt.

Angesicht von Zweitstimmen-Kampagnen warnte Bundestagspräsident Norbert Lammert vor einer Bevormundung der Wähler. Lammert sagte der «Saarbrücker Zeitung» (Donnerstag): «Die Wählerinnen und Wähler lassen sich in der Regel gerne informieren, aber nicht bevormunden.» Mit Blick auf Wahlkreis-Absprachen zwischen CDU und FDP ergänzte der CDU-Politiker, die Erst- wie Zweitstimmen gehörten nicht den Parteien und ihren Kandidaten, «also können sie von ihnen auch weder verschenkt noch verliehen oder getauscht werden».

Unterdessen plädierte der ehemalige CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer, für eine große Koalition von Union und SPD im Bund. «Angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat wäre eine große Koalition diejenige Konstellation, mit der sich in Deutschland noch am ehesten etwas bewegen ließe», sagte er der «Mitteldeutschen Zeitung» (Online-Ausgabe) in Halle. In Magdeburg regiert seit 2006 eine große Koalition, die Böhmer bis 2011 geführt hat. Sie habe «gut funktioniert».

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier wies im Deutschlandfunk erneut Spekulationen zurück, seine Partei stelle sich bereits vor der Wahl auf ein Bündnis mit der Union ein. SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück äußerte sich zurückhaltend zu den Diskussionen über eine große Koalition. «Ich werde vier Tage vor der Bundestagswahl nicht mal ein Satzzeichen setzen, das für Spekulationen Anlass gibt», sagte er in der RTL-Sendung «Guten Morgen Deutschland». Eine rot-rot-grüne Koalition mit der Linkspartei schloss er erneut aus.

In der Debatte über Pädophilie-Passagen in Grünen-Programmen vor 30 Jahren warnte der Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks, Thomas Krüger, das Thema im Wahlkampf zu missbrauchen. Es sei für politische Auseinandersetzungen ungeeignet, sagte er der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Mittwoch).

Ähnlich äußerte sich in der «Berliner Zeitung» (Mittwoch) der Politologe Stephan Klecha, der zu dem Göttinger Forscherteam um Franz Walter gehört, das die Vorwürfe im Auftrag der Grünen aufklärt. Die Grünen hatten in den 80er Jahren in Programmen Forderungen von Gruppen geduldet, die gewaltfreie sexuelle Handlungen von Kindern und Erwachsenen legalisieren wollten.