«Unerbittlich und pausenlos» - Anti-Terror-Einsatz bei Paris

Denis (dpa) - Fünf Tage nach dem blutigen Anschlag auf das Leben in Paris ist der Schrecken wieder da. «Kurz nach vier Uhr ist es losgegangen», sagt Esten Tarwoz. «Ein lauter Knall hat uns geweckt, ich hatte wahnsinnige Angst.»

«Unerbittlich und pausenlos» - Anti-Terror-Einsatz bei Paris
Ian Langsdon «Unerbittlich und pausenlos» - Anti-Terror-Einsatz bei Paris

Die 64-jährige Hausfrau und ihr Mann sind vor Jahrzehnten aus Algerien nach Frankreich gekommen und leben schon lange in Saint-Denis, vor den Toren von Paris. In ihrer Nachbarschaft sprengt sich am Mittwochmorgen eine Frau bei einem Anti-Terror-Einsatz in die Luft. Mehrere Menschen werden festgenommen.

Eine Nachbarin berichtet von einer heftigen Explosion in ihrem Haus und einem Loch in ihrer Zimmerdecke. Sie sei fast drei Stunden nicht aus ihrer Wohnung herausgekommen, die direkt unter dem von der Polizeiaktion betroffenen Apartment liege, berichtet die junge Frau, die ihren Namen mit Sabrine angibt, dem französischen Sender iTélé und anderen Medien.

Saint-Denis ist im Belagerungszustand. Am Morgen laufen Spezialkräfte mit Sturmhauben durch die Straßen. Die Gegend an der Ecke der Rue de la République und der Rue du Corbillon ist abgeriegelt. Hubschrauber kreisen, Krankenwagen, Rotes Kreuz und Feuerwehr sind im Einsatz. An einer kleinen Straßenkreuzung sichern Soldaten den Platz, mit Sturmgewehren im Anschlag. Einer von ihnen kniet nieder und blickt die Gasse hinab, wo sich teilweise verfallende Häuser drängen.

«Huh, das ist ja wie im Film», sagt der Sportlehrer Bouboute Amrane. Der 50-Jährige ist wie viele Anwohner auf die Straße gegangen, um zu sehen, was los ist. «Bei dem Gedanken, dass ich hier in direkter Nachbarschaft in einem Viertel mit Terroristen zusammengelebt habe, habe ich ein mulmiges Gefühl», sagt er.

Gerüchte machen die Runde. Die Situation ist angespannt, die Polizisten wirken nervös. Beamte auf Motorrädern rasen auf eine Kreuzung zu, halten an, wirken unschlüssig. Einer biegt nach links ab, wird aber von den anderen mit lautem Hupen zurückgeholt. An den Polizeiabsperrungen drängen Polizisten Passanten zur Seite. An den Fenstern der Häuser blickt eine Frau im Morgenrock auf das unwirkliche Geschehen.

Die Metrolinie 13 stellt den Betrieb ein. Die Zufahrtstraßen aus Paris sind gesperrt. An der Porte de la Chapelle bricht der morgendliche Berufsverkehr zusammen. Wer aus Saint-Denis zur Arbeit nach Paris will, steckt stundenlang im Stau oder ist kilometerweit zu Fuß unterwegs wie der 21-jährige Berufsschüler Naty Worku: «Ich bin erschüttert und hoffe, dass bald wieder das normale Leben einkehrt.» Am Stade de France, dem Fußballstadion, vor dem sich am Freitagabend Terroristen beim Spiel von Frankreich gegen Deutschland in die Luft sprengten, werden verdächtige Autos in Richtung Stadtzentrum angehalten und kontrolliert. 

Der Einsatz, so heißt es unter den Journalisten an der Polizeiabsperrung, soll sich gegen Abdelhamid Abaaoud gerichtet haben, der als Drahtzieher der Anschläge vom Freitag mit 129 Todesopfern gesucht wird. Der 28-Jährige stammt aus Marokko und lebte früher im Brüsseler Stadtteil Molenbeek, zuletzt soll er in Syrien für die Terrormiliz Islamischer Staat gekämpft haben.

Sanoko Abdoulaye erzählt, er sei gegen 4.30 Uhr von Schüssen geweckt worden. «Die Schießerei zwischen Polizei und den Terroristen dauerte 30 Minuten», berichtet der Schweißer, der in der Gegend wohnt. Er habe Polizisten und Soldaten in alle Richtungen laufen sehen. Überrascht, dass all das in Saint-Denis passiert, ist er nicht. «Die Atmosphäre hier ist nicht gut. Wenn ich das Geld hätte, wäre ich schon weggegangen, es gibt so viele Drogen hier», sagt er.

Am Rathaus, gleich neben der gotischen Kathedrale, hat Bürgermeister Didier Paillard nach den Anschlägen vom Freitagabend eine Erklärung angebracht. Der Angriff der Terroristen habe «Orten der Vielfalt, der Jugend, der sozialen Verschiedenheit, der Toleranz und der Öffnung gegenüber anderen» gegolten, schreibt das Oberhaupt der mehr als 100 000 Einwohner zählenden Stadt. Sein Aufruf hat beklemmende Aktualität: «Heute wie gestern muss der Terrorismus unerbittlich und pausenlos bekämpft werden.»

«Das ist nicht normal, das ist nicht gut», klagt Esten Tarwoz. Sie habe immer gern in Saint-Denis gelebt, die Leute dort hielten alle zusammen, auch wenn sie ganz verschieden seien. «Wo ist unser ruhiges Leben geblieben? Das ist alles so traurig.»