Unglückliches Genie: Vor 40 Jahren starb Nick Drake

Zu Lebzeiten fast unbeachtet, wird Nick Drake heute als Genie des Folkpop verehrt. Ende November steht der 40. Todestag des schüchtern-depressiven Einzelgängers an. Sein enormer Einfluss auf viele Musiker ist inzwischen unumstritten.

Unglückliches Genie: Vor 40 Jahren starb Nick Drake
Universal Music Unglückliches Genie: Vor 40 Jahren starb Nick Drake

Die Liste seiner Bewunderer ist lang: von den Popsängern Elton John und Norah Jones über Rockgitarristen wie Jimmy Page, Peter Buck oder Paul Weller bis zum Jazzpianisten Brad Mehldau, um nur einige der bekannntesten zu nennen. Das sagt schon viel über die Spannweite der Wirkungsgeschichte des Nicholas Rodney Drake, der vor 40 Jahren - unterbewertet und völlig vereinsamt - an einer Überdosis Antidepressiva starb.

Erst lange Zeit nach Nick Drakes Tod mit gerade mal 26 Jahren kam eine Welle der Verehrung für den britischen Sänger und Gitarristen in Gang, auf dessen Konto einige der schönsten, auch traurigsten Lieder der Popgeschichte gehen. Geniekult als späte Wiedergutmachung, vorangetrieben von Musikern und Kritikern, aber auch von Schauspielern wie Brad Pitt oder Heath Ledger - für einen Künstler, der von seinen gerade mal drei Studioalben zu Lebzeiten nur einige tausend Exemplare verkaufte.

«Er war groß und attraktiv und zog schüchtern die Schultern nach vorn: Entweder hatte er keine Ahnung, wie gut er aussah, oder es war ihm peinlich. Er gab mir das Band und schlurfte wieder zur Tür hinaus.» So schildert Drakes Plattenproduzent Joe Boyd die erste Begegnung mit dem 1948 auf Burma geborenen Literatur-Studenten im Londoner Winter des Jahres 1968. Besagtes Tonband enthielt Demo-Versionen von Songs, die im Jahr danach auf «Five Leaves Left» erschienen, dem mit elegischen Streichersätzen verzierten, von Drakes virtuoser Akustikgitarre geprägten Debüt.

«Die Klarheit und die Kraft seines Talents waren beeindruckend», erinnert sich Boyd. «Hier und da waren Einflüsse hörbar, aber im Kern war die Musik auf eine mysteriöse Art eigenständig.» Der heute 72-Jährige erkannte bei Drake aber auch früh die «Zerbrechlichkeit seines Genies» und eine Düsterkeit, die sich in Liedern wie dem niederschmetternd melancholischen «River Man» oder «Fruit Tree» äußerte. Die Stimmung wurde nicht besser durch ablehnende, aus heutiger Sicht völlig unverständliche Kritiken («eine unangenehme Mischung aus Folk und Cocktail-Jazz», befand das Fachblatt «Melody Maker») und magere Albumverkäufe.

Erschwerend kamen Drakes Verweigerung von Interviews und seine ungelenke Live-Performance hinzu - er sprach nicht mit dem Publikum und stimmte zwischen Songs langwierig sein Instrument, bis niemand mehr zuhörte. Eine Tournee erwies sich als Fiasko. «Gitarre spielen und Joints rauchen» wurde in Boyds Erinnerung zur Hauptbeschäftigung des Träumers mit der sanften Stimme.

Das zweite Album «Bryter Layter» (1970) - noch perfekter als das Debüt, mit mehr Jazz-Elementen in Songs wie «Poor Boy» oder «One Of These Things First» - war ebenfalls kein Erfolg. Seine letzte Platte nahm Nick Drake solo auf, nur mit Gitarre und etwas Klavier - «Pink Moon» (1972) gilt heute als eines der dunkel-romantischen Folk-Werke schlechthin. «Warum (...) bin ich dann nicht reich und berühmt?», mit dieser verbitterten Frage reagierte er auf Lob. Nach zunehmender Verwahrlosung und dem Rückzug in sein Elternhaus in der englischen Provinz starb Drake am 25. November 1974 - ob es Selbstmord war oder eine versehentliche Tabletten-Überdosis, wurde nie ganz geklärt.

Drakes Platten, so schlecht sie sich anfangs verkauften, blieben auch nach seinem Tod stets im Handel. Seine faszinierende Gitarrentechnik, die filigranen Kompositionen und die poetischen Texte waren aber zunächst weiterhin nur etwas für Kenner. Ausgerechnet ein VW-Werbespot mit der «Pink Moon»-Melodie eröffnete dem Kultstar vor 15 Jahren neue Hörerschichten. 

Die Drake-Familie kümmert sich bis heute liebevoll um den Nachlass des unglücklichen Genies - Bücher, Filmdokumentationen, immer neue Zusammenstellungen der nur gut 30 Lieder seiner kurzen Schaffenszeit werden veröffentlicht, auch etwas Archivmaterial kam zum Vorschein. Die Zahl der Coverversionen von Drake-Songs steigt ständig - wer als Musiker etwas auf sich hält, nennt ihn als Einfluss.

«Die Welt brauchte eine Weile, um das herauszufinden», sagt Joe Boyd, der große Tribute-Konzerte für seinen einstigen Schützling veranstaltet hat. «Leider fand sie es nicht heraus, bevor er starb.» Und der berühmte britische Folkrock-Gitarrist Richard Thompson meint voller Bewunderung für Nick Drakes außergewöhnliche Originalität und Begabung: «Er ist an Orte gegangen, zu denen andere Leute vorher nicht gelangt waren.»