Unspektakulärer Start im One World Trade Center

Scheinbar ein ganz normaler Morgen: Büro-Arbeiter betreten ein Hochhaus in New York, durchqueren das Marmorfoyer und nehmen die Fahrstühle hoch zu ihren Schreibtischen.

Unspektakulärer Start im One World Trade Center
Stephen Chernin Unspektakulärer Start im One World Trade Center

«Ein außergewöhnlicher Moment, der auf die allergewöhnlichste Art vorüberzog», schreibt die «New York Times» später über diesen Augenblick, denn der Wolkenkratzer ist ein ganz besonderer: One World Trade Center. Er ist nur wenige Schritte vom früheren Standort eines der beiden Türme entfernt, bei deren Einsturz am 11. September 2001 rund 2700 Menschen starben, und bietet nun laut Eigenwerbung «das höchste Gebäude der westlichen Hemisphäre».

Jetzt sind da endlich die ersten Mieter, ganz ohne rotes Band oder Marching Band zur Eröffnung. Der Condé-Nast-Verlag zieht ein - dank «New Yorker», «Vogue» und «Vanity Fair» eines der prestigeträchtigsten Medienhäuser der USA - und belegt ein gutes Drittel der 280 000 Quadratmeter Bürofläche. Dass es 13 Jahre nach den Anschlägen überhaupt soweit kommen konnte, grenzt an ein Wunder. «Neun Gouverneure, zwei Bürgermeister, mehrere Architekten, ein eigenwilliger Bauherr, die Familien von Tausenden Opfern und Zehntausende Nachbarn haben um dieses kleine Stück Bauland gekämpft», zählt das «Time»-Magazin auf.

Mit rund 3,9 Milliarden Dollar (3,1 Milliarden Euro) Baukosten entstand ein Gebäude mit 104 Stockwerken, doppelt so teuer wie geplant, 1776 Fuß (541 Meter) hoch - eine Anspielung auf das Jahr der US-Unabhängigkeitserklärung. Das Glas an den Außenwänden des One World Trade Center entspreche der Fläche von 20 Footballfeldern, Stahl für 20 000 Pkw sei verbaut worden, der genutzte Beton würde für einen zehn Zentimeter dicken Bürgersteig zwischen New York und dem 1150 Kilometer entfernten Chicago reichen, rechnet die «New York Times» vor.

Die potenziellen Mieter überzeugt das wenig. Nur 60 Prozent der Fläche sind laut «Washington Post» vermietet, darunter große Flächen an viele öffentliche Institutionen wie die Ingenieurseinheit der US-Armee und den US-Grenzschutz. Häufig war gemutmaßt worden, dass die Angst, an diesen Ort zu ziehen, zu groß sei - trotz extradickem Betonkern und einem 20 Stockwerke hohen Beton-Stahl-Fundament.

Auch rund um den neuen Wolkenkratzer ist noch viel zu tun. Neben One World Trade Center sind inzwischen zwar ein Mahnmal und ein Museum eröffnet worden, und auch die beiden Häuser «4 World Trade Center» und «7 World Trade Center» haben den Betrieb aufgenommen. Doch dann fangen die Probleme an: Erst 2015 soll ein Bahnhof fertig werden - sechs Jahre später als geplant. Der Wolkenkratzer «3 World Trade Center» wird wohl erst Anfang 2018 eröffnet, und wann und ob sein von Star-Architekt Norman Foster entworfener Nachbar «2 World Trade Center» fertiggestellt ist, scheint derzeit völlig unklar.

Doch zur Eröffnung treten diese Bedenken kurz in den Hintergrund. «Es ist einfach ein Fakt», sagt Dave Checketts, Chef der Betreiberfirma für die Aussichtsplattform, die im kommenden Jahr im 100. und 101. Stock öffnen soll, am Dienstag dem Sender ABC. «Wir sind zurückgekommen. Wir haben das Gebäude zurückgebracht. Wir haben es sogar höher gebaut als es vorher war.»