Urlauber meiden Ägypten - Deutsche Firmen reagieren gelassen

Die blutigen Unruhen schlagen auf Ägyptens Wirtschaft durch. Die Nachfrage nach Reisen in das nordafrikanische Land sinkt spürbar, wie große deutschen Reiseveranstalter am Donnerstag berichteten. Erste ausländische Konzerne schließen vorübergehend die Produktion.

Die deutsche Wirtschaft will sich nach Erkenntnissen des DIHK aber nicht aus Ägypten zurückziehen. Es gebe bisher keine entsprechenden Signale. «Die Unternehmen, die da sind, werfen nicht das Handtuch», sagte der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier.

Der Deutsche Reiseverband (DRV) berichtete von vermehrten Anfragen der Kunden bei den Veranstaltern. «Es gibt jedoch keine Storno- oder Umbuchungswelle», sagte Sprecherin Sibylle Zeuch. Die Nachfrage ist allerdings gesunken. Beim Marktführer Tui Deutschland liegen die Buchungen für Ägypten in der Sommersaison dem Unternehmen zufolge einstellig unter dem Vorjahresniveau. TUI-Vorstandschef Friedrich Joussen hatte vor wenigen Tagen gesagt, dass man bereits Kapazitäten in Ägypten abbaue.

Bei DER Touristik Köln liegen die Buchungen nach Angaben von Sprecherin Anne Schmidt weit unter dem normalen Niveau. «Es gibt noch eine Nachfrage, diese ist jedoch sehr schwach.» Der Veranstalter FTI aus München hat im laufenden Sommergeschäft noch ein zweistelliges Plus verzeichnet. Die Neubuchungen für den Winter sind den Angaben zufolge jedoch zurückgegangen. Alltours-Sprecherin Alexandra Hoffmann berichtete von rückläufigen Zahlen sowohl für den Sommer als auch für die anstehende Wintersaison.

Weit entfernt sind die Buchungszahlen fast überall vom Niveau aus der Zeit vor dem Arabischen Frühling. «Ägypten hat sich noch nicht von der Revolution erholt», sagte Mathias Brandes, Sprecher von Thomas Cook und Neckermann. Seit den jüngsten Unruhen seien die Buchungszahlen bei den Oberurselern noch einmal zurückgegangen.

Deutsche Unternehmen reagieren dem DIHK zufolge trotz der Eskalation der Gewalt gelassen. Der DIHK befürchtet jedoch weitere Rückschläge für die ägyptische Wirtschaft und eine noch stärkere Abhängigkeit des Landes von Geldgebern vor allem aus der Golf-Region.

Nach Angaben des DIHK sind in Ägypten 80 deutsche Unternehmen mit Vertriebs- und Produktionsstandorten vertreten. Sie beschäftigen dort etwa 24 000 Mitarbeiter. «Die Unternehmen haben gewisse Erfahrungen mit Revolutionssituationen und Unruhen in Ägypten», sagte Treier. Es gebe keine Hinweise, dass Mitarbeiter deutscher Firmen abgezogen würden. Vorübergehende Betriebsschließungen und Produktionsausfälle angesichts logistischer Probleme seien aber nicht auszuschließen. Auch würden potenzielle Investoren abgeschreckt. Mögliche Pläne dürften vorerst auf Eis liegen.

Der schwedische AEG-Mutterkonzern Electrolux stoppte bereits seine Produktion in Ägypten. Aus Sicherheitsgründen seien die Werke rund um Kairo am Mittwochnachmittag geschlossen worden, sagte ein Sprecher. Am Samstag wolle man die Lage neu überdenken. Der Konzern beschäftigt 6750 Mitarbeiter in Ägypten.

Die Eskalation der Gewalt treibt unterdessen die Ölpreise nach oben. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im September kostete am Donnerstag im Mittagshandel 111,20 US-Dollar. Das waren 91 Cent mehr als am Vortag. Dies ist der höchste Stand seit mehr als viereinhalb Monaten. Der Preis für ein Barrel der US-Sorte WTI kletterte um 83 Cent auf 107,69 Dollar. Investoren am Ölmarkt fürchten ein Übergreifen der Krise in Ägypten auf andere Staaten der ölreichen Region im Nahen Osten. Ägypten selbst ist zwar kein wichtiger Ölproduzent, aber wegen des Suezkanals eine wichtige Durchgangsstation beim Transport.