Verdientes Unentschieden: Jubel für Fuß-Ballett

Ballett und Fußball, geht das zusammen? Hier hoch artifizielle Körperkunst, dort zuweilen brutaler Kampf, hier ein androgynes Spiel mit den Geschlechtern, dort für viele eine Bastion traditioneller Männlichkeit.

Verdientes Unentschieden: Jubel für Fuß-Ballett
Marie-Laure Briane Verdientes Unentschieden: Jubel für Fuß-Ballett

Andererseits werden Kick-Heroen wie Cristiano Ronaldo als «Fußballkünstler» bezeichnet, die mit angeblich «tänzerischer Leichtigkeit» den Ball übers Spielfeld treiben. In einem dreiteiligen Ballettabend mit dem Titel «Hattrick» versucht das Münchner Gärtnerplatztheater, diese Gegensätze zusammenzubringen.

Bei der Premiere am Samstag in der Off-Spielstätte Reithalle gab es berechtigten Jubel für ein etwas zwiespältiges Tanztheaterereignis.

Im engeren Sinne um Fußball drehte es sich eigentlich nur im ersten, mit etwa einer Stunde Spieldauer längsten Stück des Abends: der Choreografie «A Dance Tribut to the Art of Football» des Norwegers Jo Strømgren. Das Tanz-Quartett war schon 1997 entstanden und wurde von Strømgrens Truppe rund 700 Mal in der ganzen Welt mit großem Erfolg aufgeführt. Für das Ballett des Gärtnerplatztheaters hatte es der Choreoraf für zehn männliche und weibliche Tänzer adaptiert.

In dem nicht mehr ganz taufrisch wirkenden Stück, einer Mischung aus zeitgenössischem Tanztheater, Pantomime und «eingefrorenen» Spielszenen, geht es vor allem um den Männlichkeits- und Heldenkult in der Welt des Fußballs. Den hinterfragt Strømgren mit Tempo, Witz und Ironie und spürt dabei natürlich auch unterschwellige Homosexualität und latente Gewaltbereitschaft auf.

Zuerst posen die nur mit einer Unterhose bekleideten Spieler in einem Spotlight, mit dem sie sich selbst ins rechte Licht rücken. Dann lecken sie sich im Schutz der Dunkelheit gegenseitig die athletischen Körper ab. Als das Licht wieder angeht und Stadionjubel aufbraust, schlagen sich die wieder zu echten Männern mutierten Athleten wie Affen auf die Brust. Einer weiblichen Spielerin, die dabei zusieht, kommt erst das Lachen, dann das Kotzen. Sehr putzig der «running Gag» des Stückes: Einem Spieler rutscht immer wieder das Sporthöschen vom knackigen Popo, bis es der Schiedsrichter wieder hochzieht - nicht ohne Klaps auf den Hintern.

Dies alles wurde zu harten bis psychedelischen Rock- und Technoklängen sowie Ausschnitten aus italienischen Opernarien gekonnt getanzt und gespielt, wirkt manchmal aber politisch etwas arg korrekt und in die Jahre gekommen. Dezentes Memento am Rande: Ein munterer Rollstuhlfahrer im Outfit eines Torwarts, der über das «Spielfeld» fährt, erinnert an die möglichen Folgen des Hochleistungssports.

Um das «Funktionieren-Müssen», die Ängste und Tränen, die sich hinter der «stählernen Körperkraft» (Programmheft) verbergen, geht es im zweiten Teil, dem Solo «Cry Boy» von Marco Goecke, dem Haus-Choreografen des Stuttgarter Balletts. Das wird von dem Solisten Javier Ubell virtuos und körperbetont aufs Parkett gezaubert, doch musste man schon im Programmheft nachlesen, um einen Zusammenhang zum Generalthema des Abends auszumachen.

Dieses Manko tritt noch deutlicher im dritten Teil zutage, «Versus Standard» von Jacopo Godani aus dem Stall von William Forsythe in Frankfurt am Main. Hier sollte es um «Strukturen und Elemente» des Mannschaftssports gehen, die mit Mitteln des Tanzes nachempfunden werden. Doch eigentlich war es nur ein - durchaus sehenswertes - Stück postmodernen Tanztheaters. Dazu wieder Wellen von Stadionjubel und Fanchören und eine Art Zwischenspiel mit kollektiven Dehnübungen.

Alles in allem kein Kantersieg fürs Gärtnerplatztheater, eher ein verdientes Unentschieden. Zumindest gelingt es dem derzeit wegen Generalrenovierung des Stammhauses durch München tourenden Theaters unter seinem ebenso regen wie erfolgreichen Intendanten Josef E. Köpplinger, sich im Gespräch zu halten. Zu dem Dreiteiler gibt es eine Kooperation mit der FC Bayern Erlebniswelt. Dort präsentierten die Tänzer Ausschnitte aus der «Hattrick»-Choreographie.