Vergeltung für Istanbul: Türkische Panzer gegen den IS? 

Die türkischen Botschafter sind in dieser Woche zu einer Tagung in Ankara versammelt, von ihrem Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu werden sie empfangen.

Vergeltung für Istanbul: Türkische Panzer gegen den IS? 
Tolga Bozoglu Vergeltung für Istanbul: Türkische Panzer gegen den IS? 

Fast schon beiläufig erwähnt der islamisch-konservative Regierungschef in seiner Ansprache vor den Diplomaten, wie die Türkei nach dem «niederträchtigen Anschlag» von Istanbul, bei dem zehn Deutsche getötet wurden, zurückgeschlagen habe: Panzer und Artillerie hätten Stellungen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Nordsyrien und dem Irak beschossen und dabei 200 Dschihadisten getötet, sagt Davutoglu.

Nicht nur diese Angaben werfen nach dem Anschlag von Istanbul Fragen auf. Binnen 48 Stunden werden laut Davutoglu fast 500 Geschosse abgefeuert; in den Grenzregionen in der Südosttürkei muss die Erde gebebt haben. Die gewöhnlich gut informierte syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtet zwar von türkischem Artilleriebeschuss, es habe aber keine hohen Verluste unter den Extremisten in Nordsyrien gegeben. Nach Angaben des kurdischen Peschmerga-Ministeriums ist es im Nordirak gar nicht zu Angriffen gekommen. Auch im täglichen Lagebericht der türkischen Armee finden sich keine Hinweise auf Beschuss in den Nachbarländern.

200 Tote, die unbemerkt bleiben - das wäre zumindest ungewöhnlich. Fragen wirft auch auf, wieso sich der IS - den Davutoglu noch am Tag des Anschlags von Istanbul als Verantwortlichen benennt - immer noch nicht dazu bekannt hat. Beim Terrorangriff in Jakarta am Donnerstag dauert es nur Stunden, bis der IS die Urheberschaft reklamiert. Die Identität des Attentäters von Istanbul ist laut türkischer Regierung bereits am Abend des Anschlags geklärt gewesen. Von ihm lägen Fingerabdrücke vor, weil er sich in Istanbul als Flüchtling habe registrieren lassen, sagt Innenminister Efkan Ala. Doch auch bei der Identität herrscht anscheinend keine abschließende Gewissheit.

Nach einem Treffen mit Ala in Istanbul sagt Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in der ARD: «Man hat diesen Mann insoweit identifiziert, dass es ein Personaldokument gibt, aber ob dieses Personaldokument zu diesem Mann gehört, ist alles noch Gegenstand der Aufklärung.» Unklar auch: Wieso sollte sich jemand in Istanbul als Flüchtling registrieren lassen, wenn er sich wenige Tage später dort in die Luft sprengen will? Kaum zur Aufklärung trägt schließlich bei, dass die Regierung nach dem Anschlag eine Nachrichtensperre erließ.

Was allerdings bedrückend klar ist: Die Türkei versinkt nicht erst seit dem Anschlag von Istanbul in einem Strudel der Gewalt. In der Nacht zu Donnerstag explodiert im Bezirk Cinar im Südosten eine Autobombe vor einer Polizeistation, anschließend eröffnen die Angreifer das Feuer. Getroffen wird auch eine benachbarte Unterkunft für Familien von Polizisten. Unter den sechs Toten sind ein fünf Monate altes Baby und ein fünfjähriges Kind. Die Regierung macht die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK verantwortlich für Tat.

Die PKK ist ihrerseits unter massivem Druck. Vor einem Monat hat die Armee eine Offensive gegen die PKK begonnen. Im Viertel Sur in der Kurden-Metropole Diyarbakir sowie in den Städten Cizre und Silopi dauern die Gefechte an, dort gelten seit Wochen Ausgangssperren. Bilder von Fotografen, die die Armee in den Kampfgebieten begleiten können, zeigen eine Zerstörung, wie man sie aus dem Bürgerkriegsland Syrien kennt - aber nicht bei einem Nato-Mitglied und EU-Beitrittskandidaten wie der Türkei erwarten würde.

Alleine in Sur, Cizre und Silopi sind nach Militärangaben seit Beginn der Offensive mehr als 500 PKK-Kämpfer getötet worden. Die pro-kurdische Oppositionspartei HDP berichtet von rund 100 getöteten Zivilisten. Regelmäßig zeigen Fernsehsender, wie wieder ein «Sehit», ein im Kampf gegen die PKK gefallener «Märtyrer» der Armee, zu Grabe getragen wird. Die eskalierende Gewalt mit immer mehr Toten hat zu einer tiefen Spaltung der Gesellschaft geführt. Wenn es um den Kurdenkonflikt geht, herrscht eine fast schon hysterische Stimmung.

Bezeichnend für die Atmosphäre im Land: Vor wenigen Tagen ruft eine Lehrerin aus Diyarbakir in einer Live-Fernsehsendung im privaten türkischen Kanal D an. Sie bittet um Frieden in den Kurdengebieten, ohne eine der Konfliktparteien für die Gewalt verantwortlich zu machen. «Menschen, Frauen, Kinder sollen nicht sterben, Mütter nicht weinen», sagt sie. Die Unterhaltungssendung ist kaum zu Ende, da wird der werdenden Mutter ihr Friedensappell schon als PKK-Unterstützung ausgelegt. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen sie. Der Vorwurf: «Propaganda für eine Terrororganisation.»