VfL vor historischer Chance: «Haben keinen Respekt»

Bloß keinen Bammel vor dem Bernabéu. Die Taktik für die große Champions-League-Sensation des VfL Wolfsburg bei Real Madrid ist für Dieter Hecking ziemlich simpel.

VfL vor historischer Chance: «Haben keinen Respekt»
Peter Steffen VfL vor historischer Chance: «Haben keinen Respekt»

«Gar nicht drüber sprechen», brummte der VfL-Coach vor dem Abflug aus Braunschweig nach Madrid, wo der Vizemeister am Dienstag im Viertelfinal-Rückspiel Geschichte schreiben will.

Die Euphorie nach dem nicht für möglich gehaltenen 2:0 im Hinspiel ist riesig, der Glaube an eine Fortführung des größten VfL-Erfolges im Europapokal vorhanden. Das Schlimmste was Hecking nun passieren kann, ist die Angst vor der eigenen Courage aus Ehrfurcht vor dem berüchtigten Estadio Santiago Bernabéu und der hitzigen Atmosphäre.

«Wir wissen doch was kommt, das brauchen wir nicht zu thematisieren. 90 000 Zuschauer sind da, die Stimmung wird fantastisch sein. Die werden Real nach vorne treiben», meinte Hecking, der ungewollt seinen Beitrag zum «Mythos Bernabéu» leistete, in dem er das Fassungsvermögen des Stadions um 10 000 Menschen erhöhte.

Sportchef Klaus Allofs, der zuvor noch vor der Atmosphäre in Madrid gewarnt hatte, äußerte sich kurz vor dem Abflug ähnlich: «Wir sind keine blutigen Anfänger, dass wir da mit feuchten Händen Richtung Madrid fahren.» Allofs betonte, der Druck laste auf dem großen Favoriten, für Real sei es von «elementarer Bedeutung ins Halbfinale und dann ins Finale zu kommen».

Entsprechend erwartbar war die Reaktion der gekränkten Madrilenen vor dem Showdown am Dienstag. Real sendete beim 4:0 gegen das Team aus Eibar am Wochenende ein Signal der Stärke und danach deftige Worte. «Am Dienstag ist Krieg. Wir werden aufs Feld laufen, um Wolfsburg zu überrollen», kündigte Reals früherer Leverkusener Dani Carvajal martialisch an und der im Hinspiel so böse enttäuschende Superstar Cristiano Ronaldo prophezeite dem Real-Anhang eine «magische Nacht».

Dies wollte Allofs nicht überbewerten: «Das müssen wir nicht dramatisieren. Es wird ein harter Kampf mit allen erlaubten Mitteln, darauf sollten wir vorbereitet sein. Dazu gehört auch, dass man den Gegner einschüchtern möchte.» Allofs kennt die spezielle Situation in Madrids Fußball-Tempel aus eigener leidlicher Erfahrung als Spieler und Manager. «Im Bernabéu kann eine Menge passieren, das weiß ich. Da wird auch einiges passieren. Da denkt man jetzt noch gar nicht dran, was da alles passieren kann», warnte Allofs.

Die Reaktion der VfL-Profis fiel tollkühn aus. «Wir haben am Mittwoch keinen Respekt gehabt und werden ihn auch am Dienstag nicht haben», tönte Stürmer Bas Dost etwa. Weltmeister André Schürrle prophezeite ein «geiles Spiel» und hielt den forschen Tönen aus Madrid entgegen: «Wir werden um unser Leben rennen.»

Besonders kämpferisch flog Coach Hecking nach Madrid: «Wir haben die Chance, Real Madrid aus dem Wettbewerb zu werfen. Dafür werden wir alles tun. Ich will ins Halbfinale.» Der VfL-Trainer hatte auch noch einen speziellen Gruß an die Skeptiker parat: «Was die Experten sagen, ist mir schnurz-piep-egal.»

Der Plan lautet, möglichst ein Tor zu schießen. Dies gelang bislang noch keinem Team in dieser Champions-League-Saison bei Real, das im Wettbewerb bislang alle Heimspiele gewann. «Wenn wir ein Tor schießen, verändert das eine Menge», meinte Allofs. Laut Schürrle würde es dann gar «brutal schwer für Real. Wir haben eine Top-Ausgangslage und alles in unserer Hand.»

In der Tat ist die Situation deutlich anders als vor den vergangenen beiden Viertelfinal-Rückspielen im Europacup, als der VfL beide Male aus der Europa League ausschied. Gegen Fulham (2010) und Neapel (2015) gingen die Hinspiele jeweils verloren. Zudem kam Wolfsburg bislang stets weiter, wenn sie das Hinspiel gewonnen hatten, zuletzt in der Europa-League-Zwischenrunde 2015 gegen Sporting Lissabon. Damals gewann der VfL das Hinspiel auch mit 2:0.

Real Madrid: Navas - Carvajal, Pepe, Sergio Ramos, Marcelo - Modric, Casemiro, Kroos - Bale, Benzema, Cristiano Ronaldo

VfL Wolfsburg: Benaglio - Vieirinha, Naldo, Dante, Rodriguez - Luiz Gustavo, Guilavogui - Henrique, Arnold, Draxler - Schürrle

Schiedsrichter: Kassai (Ungarn)