Viel Respekt für Hitzlspergers Coming-out

Schon als Bundesligaspieler hat Thomas Hitzlsperger sein Coming-out erwogen. Aber auch für den Schritt vier Monate nach seinem Karriereende erntet der ehemalige Fußball-Nationalspieler international großen Respekt.

Viel Respekt für Hitzlspergers Coming-out
Patrick Seeger Viel Respekt für Hitzlspergers Coming-out

«Thomas Hitzlsperger hat den Schmerz des Vorurteils zerschmettert», schrieb der «Corriere dello Sport» aus Italien einen Tag, nachdem der 31-Jährige seine Homosexualität öffentlich gemacht hatte. Über ein Coming-out hatte er bereits während seiner Zeit beim VfL Wolfsburg in der Saison 2011/12 nachgedacht.

Dann aber habe er auf Menschen gehört, die ihn vor negativen Konsequenzen gewarnt hatten, sagte Hitzlsperger der britischen Tageszeitung «Guardian» (Donnerstag). «Sie sagten alle, tu es nicht, eine große Welle wird über dir zusammenbrechen. Aber dann realisierte ich, dass das keiner vorhersagen konnte.» Die Coming-outs von Sportlern wie Rugby-Profi Gareth Thomas, Wasserspringer Tom Daley oder US-Fußballprofi Robbie Rogers hätten ihm Mut gemacht. «Ich wollte sie unterstützen, wie sie mich unterstützt haben.»

Hitzlsperger hofft, dass er mit seinem Schritt in die Öffentlichkeit «jungen Spielern und Profisportlern Mut machen kann», sagte der 31-Jährige in einem Video auf seiner Homepage. «Profisport und Homosexualität schließen sich nicht aus, davon bin ich überzeugt.»

Im britischen Sender BBC betonte er allerdings: «Ich kann mir nicht vorstellen, Fußball zu spielen und das zur selben Zeit zu machen. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, weil wir eine Reaktion fürchten und nicht wissen, was passieren wird. Schwule Fußballer sind unsichtbar.»

In einem Interview der Wochenzeitung «Die Zeit» hatte er zuvor erklärt, homosexuell zu sein. Unterstützung erhielt er am Donnerstag von der Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig: «Es ist gut und ein starkes Signal, dass Thomas Hitzlsperger sich geoutet hat», sagte die SPD-Politikerin. «Das macht deutlich: Homosexualität gehört zur Normalität in Deutschland.»

Großen Respekt für seinen Schritt erntete der einstige Mittelfeldspieler in den internationalen Medien, vor allem in Italien. Der ehemalige Bundesliga-Profi hatte 2010 einige Monate für Lazio Rom gespielt. «Nach seinem Karriereende sorgt der Ex-Lazio-Spieler für Aufsehen», meinte «La Gazzetta dello Sport»: «Die Idee, die Hitzlsperger mit seinem Outing verfolgt, ist klar: Er will, dass die Medien hartnäckig über das Thema der Homosexualität berichten, bis es normal wird, darüber zu reden.»

Die «New York Times» zählte Hitzlspergers Länderspiele, seine wichtigsten Erfolge und seine Karrierestationen auf und schrieb dann: «Die größte Neuigkeit seiner Karriere hat er vielleicht am Mittwoch mit seinem Coming-out gemacht.»

Trotz Hitzlspergers Öffentlichmachen bleibt für den ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger ein normaler Umgang mit Homosexualität im deutschen Fußball «ein langwieriger Prozess». Er wünsche sich, dass Normalität irgendwann im Fußball einkehre, «dass die sexuelle Orientierung eines Spielers Privatsache ist und diese niemanden irgendetwas angeht», sagte Zwanziger in einem Interview der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (Donnerstag).

«Seine Entscheidung, dies in dieser Form zu tun, ist ein weiterer Schritt für die Entkrampfung des Fußballs, wo solche Themen noch immer viel zu stark tabuisiert werden, wo die Stadien noch immer viel zu sehr von Homophobie geprägt sind», betonte Zwanziger.

Hitzlsperger gibt sich keinen Illusionen hin, dass sich die homophobe Einstellung einiger Profifußballer über Nacht ändern wird. Der brasilianische Verteidiger Alex von Paris St. Germain war am Tag von Hitzlspergers Coming-out mit den Worten zitiert worden: «Gott hat Adam und Eva geschaffen, nicht Adam und Yves.» Hitzlsperger sagte dazu dem «Guardian»: «Man hat immer solche Typen, es ist traurig, dass sie nicht länger nachdenken, was sie sagen. Sie tun mir wirklich leid.»

Ein «wichtiges Mosaiksteinchen in Richtung Akzeptanz von Homosexualität im Fußball» sei dieses Coming-out, meinte der Sportsoziologe und DFB-Berater Gunter A. Pilz im dpa-Interview. «Eines muss man sehen: Hitzlsperger ist als durchaus harter und aggressiver Spieler bekannt und hat gezeigt, dass dieser Mythos - Schwule wären alles Weicheier - ad acta gelegt ist.»

Der Zeitpunkt des Coming-out sei für ihn selbst und seine Familie unwichtig, meinte Hitzlsperger. «Wichtig ist es nur für die Leute, die homophob sind, andere ausgrenzen aufgrund ihrer Sexualität - und die sollen wissen: Sie haben jetzt einen Gegner mehr.»

Bayern-München-Profi Arjen Robben kann die Aufregung um Hitzlspergers Aussage nicht verstehen. «Er ist homosexuell - und?», sagte der niederländische Nationalspieler am Donnerstag bei einer Pressekonferenz im Trainingslager des FC Bayern München in Katar. «Ich finde es ganz normal und natürlich. Ich kann ja hier auch sagen, ich bin heterosexuell. Ich sehe da kein Problem.» Allerdings sei «das Fußballgeschäft vielleicht etwas komisch», meinte der 29-Jährige.