Vinyl lebt: 65 Jahre Langspielplatte in Deutschland

Es gibt sie noch, diese schwarzen Rillen in gepresstem Vinyl. 30 Zentimeter Durchmesser, gut 180 Gramm schwer, bewegt mit 33 1/3 Umdrehungen pro Minute, kleines Mittelloch. Kenner jauchzen noch immer auf: Der Sound. Das Knistern. Die Wärme. Einzigartig.

Vinyl lebt: 65 Jahre Langspielplatte in Deutschland
Karl-Josef Hildenbrand Vinyl lebt: 65 Jahre Langspielplatte in Deutschland

«Die allererste LP, die ich gekauft habe, war von der englischen Glam-Rock-Band Hello und hieß 'Keeps us off the Streets'», erinnert sich Musikproduzent und DJ Hans Nieswandt. Das Cover von 1976 war im Jeanslook gestaltet. Heute besitzt der Leiter des Instituts für Populäre Musik in Essen geschätzt mindestens 10 000 Schallplatten.

Bereits in den 1920er Jahren experimentierten einige Plattenfirmen mit verschiedenen Formaten. Die erste Langspielplatte aus Vinyl brachte Columbia Records am 21. Juni 1948 in den USA auf den Markt. Zu hören war Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-Moll mit Nathan Milstein und dem New York Philharmonic Orchestra, dirigiert von Bruno Walter. Am 31. August 1951 stellte dann die Deutsche Grammophon-Gesellschaft auf der Musikmesse in Düsseldorf gleich mehrere Langspielplatten mit 33 1/3 Umdrehungen pro Minute vor.

Erst in den 1960er Jahren gelangte Vinyl zu sagenhafter Mainstream-Popularität. «Musik wurde plötzlich in großem Maße für jedermann und jederzeit abrufbar. Das trug entscheidend zum Verlauf der Popgeschichte bei», erklärt Nieswandt.

Aber auch Klassik und Jazz profitierten enorm von der Erfindung. Die Spieldauer von 20 bis 30 Minuten pro Plattenseite war revolutionär. Endlich konnten Musikfans ganze Sätze einer Symphonie, einen Opern-Akt oder endlos wirkende Jazzimprovisationen in voller Länge hören. Plötzlich schossen Plattenlabel wie Pilze aus dem Boden. Prestige, Impulse, Blue Note oder Folkways entstanden, um sich ausschließlich der Plattenproduktion einer einzigen Musikrichtung zu widmen.

Der Hype um Vinyl hielt zwei Jahrzehnte an. 1981 wurden nach Angaben des Weltverbands der Phonoindustrie (IFPI) weltweit 1,14 Milliarden Vinylplatten verkauft. Doch mit der Erfindung und Markteinführung der CD (Compactdisc) in den 80er Jahren schien das Ende der glorreichen Plattenära unausweichlich. 1995 waren es weltweit nur noch 33 Millionen, und in Deutschland lag die Zahl der verkauften Vinylplatten Mitte der 90er Jahre bei gerade mal 400 000 Stück.

Aber Totgesagte leben länger. Die Beliebtheit des «schwarzen Goldes» steigt seit Jahren wieder. «Vinyl bleibt zwar im Nischenbereich, aber die Umsatzentwicklung ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen», sagt Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie. 2015 gingen in Deutschland rund 2,1 Millionen Scheiben über den Ladentisch. Das Revival erlebt die LP vor allem durch DJs und Klassikliebhaber. «Meine aktuelle Vinyl-Sammlung ist nicht so groß. 15 Platten», ergänzt Drücke. Er sei ein typischer «Mischnutzer» von CDs, MP3, Streaming und eben Vinyl (Abkürzung für den synthetischen Stoff Polyvinylchlorid).

Und mit der Vinyl-Renaissance verbunden ist auch die Kunst des Plattencovers auferstanden. Derzeit ist Cover-Artwork künstlerisch gesehen spannender denn je, auch wenn sich große Geschäfte damit nicht machen lassen. So sieht das der österreichische und in New York arbeitende Designer Stefan Sagmeister, der unter anderem Plattencover für die Rolling Stones, Talking Heads und Lou Reed entworfen hat. «Ich glaube, dass 2015 und 2016 bessere LP-Hüllen entstanden sind als in jedem anderen Jahr der Geschichte des Albumcovers.» Und einige davon, sagt er, seien künstlerisch wertvoller als vieles, was in Galerien von London Chelsea oder der Upper West Side in New York hängt.