Vinyl wird zum Wellnessobjekt

Vinyl galt schon als tot. Der Plattenspieler wurde in den Keller verbannt oder verstaubte im Regal bis zur Funktionsuntüchtigkeit.

Vinyl wird zum Wellnessobjekt
Oliver Berg Vinyl wird zum Wellnessobjekt

Und nun, in Zeiten, in denen die Compact Disc ausstirbt und jedes Lied Tag und Nacht auf Musikportalen im Netz erhältlich ist, erlebt die Schallplatte eine Renaissance.

«Viele junge Leute kennen Vinyl gar nicht, legen dann zum ersten Mal eine Platte auf und denken: Wahnsinn, klingt das gut», sagt Benno Salgert, Mitinhaber eines der ältesten Hifi-Läden in Deutschland. Auf 600 Quadratmetern stehen in der alten Bonner Gründerzeitvilla gegenüber vom ehemaligen Kanzleramt um die 30 000 LPs sowie dutzende Musikanlagen ab 200 Euro aufwärts. Das teuerste Model in schwarzem, verschnörkeltem Lack liegt bei 78 000 Euro, allein der Plattenteller wiegt zehn Kilo.

Die Nachfrage nach Platten und Plattenspielern stieg vor etwa fünf Jahren, erinnert sich Salgert. «Mittlerweile kommt auf 20 verkaufte Schallplatten eine CD. Auf fünf Plattenspieler kommt vielleicht ein CD-Player.» Unter seinen Kunden sind sowohl junge Leute, die durch die DJs an den Turntables auf das Medium aufmerksam geworden sind. Aber auch Musikliebhaber, heute zwischen 50 und 70 Jahre alt, die mit LPs groß geworden sind und den warmen Knistersound aus der Rille wieder zu schätzen wissen.    

Salgert zählt sich zu den «Analogies», die immer an die Zukunft von Vinyl geglaubt haben. Die CD sei zu früh gekommen, die Technik noch nicht reif gewesen für dieses Medium. «Man wollte unbedingt Digitalität, saß aber noch vor dem alten Commodore-Rechner. Die CD kann das gewünschte Klangspektrum einfach nicht so wiedergeben wie Vinyl», sagt Salgert. Der 58-Jährige spricht Vinyl englisch aus. Das klinge einfach internationaler, erklärt er.

Dass LPs stark im Kommen sind, sieht man auch in den großen Elektronikmärkten: Hier werden die Schallplattenabteilungen immer größer. Immer mehr Künstler bringen ihre neuen Alben wieder auf Vinyl heraus: Lady Gaga, Kings of Leon, Clueso, Die Ärzte oder Moderat sind in den Regalen zu finden, direkt neben alten Nachpressungen von Bob Dylan, The Doors, Frank Sinatra oder ZZ Top.

Nach einer Statistik des Bundesverbandes für Musikindustrie hat Vinyl seinen Höhenflug von 2013 im vergangenen Jahr fortgesetzt. Der Umsatz stieg noch einmal um rund 33,4 Prozent auf 38 Millionen Euro. Insgesamt gingen 2014 in Deutschland 1,8 Millionen Platten über die Ladentische. Zuletzt wurde diese Zahl 1992 erreicht.

«Es gibt sie noch, die guten alten Dinge» - mit diesem Slogan wirbt ein deutscher Versandhandel. Doch ist die neuerliche Beliebtheit von Platten mit romantischer Produkt-Nostalgie zu erklären? «Auf keinen Fall», meint Thomas Mechlen, Inhaber eines kleinen, bis unter die Decke mit LPs vollgestopften Ladens in Köln. «Es geht einfach um den Hörgenuss», ist er sicher. «Man kann eine neue Bewegung ausmachen, die die Platte als eine Art 'Wellnessobjekt' sieht. Das heißt: Bewusst hinsetzen und hören, ohne mit der Fernbedienung die Möglichkeit zu haben, alle Songs nur kurz anzuspielen.»

Lars Hoffmann aus einem anderen Kölner Plattenladen sieht noch einen weiteren Grund für die steigende Nachfrage: Rund 90 Prozent der neu gepressten Platten aus dem Rock/Pop-Bereich haben einen Download-Code auf der Hülle. «Das heißt, ich kann die Musik auf mobilen Geräten abspielen, aber auch «in schön» zu Hause», sagt Hoffmann.

Auffällig ist in den Musikläden: Frauen sieht man dort nicht. Platten - das ist eine Männerdomäne. Mechlen meint dazu: «Männer sind einfach Wühler und Sammler.»