Virtuelles Geld: Für Anarchisten, Zocker und Kriminelle?

Die US-Justiz jubelt: Sie hat nach eigenem Bekunden einen der größten Geldwäsche-Ringe aller Zeiten ausgehoben. Der funktionierte mit einer Kunstwährung. Digitales Geld wie der Bitcoin gerät damit in Verruf. Zu Recht?

Virtuelles Geld: Für Anarchisten, Zocker und Kriminelle?
Jens Kalaene

Mal wieder steht «das böse Internet» am Pranger. Nach Musikpiraterie, Kinderpornographie und Kreditkartenbetrug haben nun digitale Währungen die Behörden auf den Plan gerufen. Im scheinbar rechtsfreien Raum werden Milliarden rund um den Globus verschoben. Die Spuren des Geldes sind dabei viel schwerer zu verfolgen als bei einer herkömmlichen Banküberweisung. Hat sich hier ein Paradies für Anarchisten, Zocker und Kriminelle aufgetan? Oder sogar für Terroristen?

«Wir stehen am Anfang des Zeitalters der Cyber-Geldwäsche», sagt Richard Weber, Chef der Ermittlungsabteilung der US-Steuerbehörde IRS. Er und seine Leute haben daran mitgewirkt, der in Costa Rica ansässige Geldtransferfirma Liberty Reserve das Handwerk zu legen. Über deren Systeme sollen seit 2006 mehr als 6 Milliarden Dollar oder umgerechnet 4,7 Milliarden Euro aus illegalen Machenschaften geflossen sein. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, wäre hier einer der größten Geldwäsche-Ringe aller Zeiten aufgeflogen.

Der Fall rückt eine andere Kunstwährung ins Scheinwerferlicht: Den Bitcoin. Der hatte in den vergangenen Monaten vor allem mit seinen enormen Kursschwankungen kräftig Schlagzeilen gemacht. Der seit 2009 existierende Bitcoin hat allerdings kaum etwas mit dem «LR» genannten Kunstgeld von Liberty Reserve gemein - außer dem Verbreitungsweg Internet. Oder wie es Steve Forbes, der Chefredakteur des US-Wirtschaftsmagazins Forbes, formulierte: «Was immer der Bitcoin ist, es ist kein Geld.»

Der Bitcoin wird aufwendig errechnet. Eine Kontrollinstanz in Form einer Notenbank gibt es nicht. Selbst vom Bitcoin-Erfinder ist nur der Netzname bekannt: Satoshi Nakamoto. Der Bitcoin war in erster Linie als Zahlungsmittel fürs Internet gedacht - und nicht zur Überweisung von Geldern aus fragwürdigen Quellen. Dafür würde der Bitcoin auch kaum in großem Umfang taugen: Die Anzahl der Währungseinheiten ist auf 21 Millionen begrenzt. Damit ähnelt der Bitcoin eher dem knappen Gold als dem beliebig druckbaren Geld.

Die meiste Zeit seit dem Start 2009 führte der Bitcoin ein eher unscheinbares Dasein als «Hacker-Währung». Problematisch wurde es erst, als Spekulanten aus der realen Welt das virtuelle Geld entdeckten. Alleine in den vergangenen Wochen schwankten die Kurse auf spezialisierten Tauschbörsen wie Mt. Gox von 60 bis 266 Dollar.

Als richtige Dollar in großem Umfang ins Spiel kamen und auch verpufften, interessierten sich plötzlich die US-Aufsichtsbehörden für den Bitcoin. Ihnen sind die virtuellen Währungen seit einiger Zeit ein Dorn im Auge, vorrangig wegen der Möglichkeit der Geldwäsche - im Falle des Bitcoin aber auch aus Sorge um die Auswirkungen der Kursschwankungen auf die realen Finanzmärkte.

Findige Unternehmer wollen sogar Geldautomaten aufstellen, um «den Bitcoin der Allgemeinheit zugänglich zu machen». Die Macher des «BitcoinATM» denken dabei besonders an Krisenländer wie Zypern. Doch mit Jeff Berwick zog sich zwischenzeitlich eine prominente Figur aus dem Projekt zurück. «Das größte Problem mit Bitcoin-Geldautomaten ist, dass sie Hardware sind», begründete er seine Entscheidung. «Jede Regierung überall auf der Welt kann einfach ankommen und sie wegnehmen.»

Trotz allem sieht Alistair Newton von der Marktforschungsfirma Gartner die digitalen Währungen im Aufwind - und zwar für ganz legale Einkäufe im Internet. Ein Beispiel ist der jüngst eingeführte «Coin» des weltgrößten Online-Händlers Amazon. Damit können Kunden etwa Apps für ihr Smartphone oder ihren Tablet-Computer erwerben. Newton nennt eine einfache Begründung dafür, warum derartiges Kunstgeld seiner Ansicht nach zunehmen wird: «Es fühlt sich einfach anders an, wenn man hart verdientes richtiges Geld ausgibt.»