Von der Bronx in die Welt: Hip-Hop wird 40

Nichts an dem roten Backsteinbau wirkt außergewöhnlich. 18 Stockwerke, die Fenster vergittert, nebenan ein kleiner Supermarkt. Hinter einer Schnellstraße und Bahngleisen ist der Harlem River zu sehen, darüber versperrt die Washington Bridge den Blick auf die Skyline von Manhattan.

«Projects» nennen die New Yorker Gebäude wie dieses, sozialer Wohnungsbau. Hunderte gibt es davon in der Millionenmetropole und hier in der Bronx sind sie besonders heruntergekommen.

Aber «1520 Sedgwick Avenue», so die groß über dem Eingang prangende Adresse, ist kein «Project» wie alle anderen. Genau hier, am südwestlichen Rand der Bronx, soll am 11. August vor 40 Jahren der Hip-Hop erfunden worden sein - heute einer der weitverbreitesten Musikstile überhaupt, der unzählige Chart-Hits weltweit und Star-Imperien wie das von Jay-Z, Kanye West, Eminem oder P. Diddy hervorgebracht hat.

Auf linierten Karteikarten hatte Cindy Campbell in kugeliger Mädchenschrift damals Freunde und Bekannte eingeladen, wie ein von der «New York Times» veröffentlichtes Foto des Flyers zeigt. Ein «Back to School Jam» sollte es werden, von 21.00 bis 04.00 Uhr im Gemeinschaftsraum von 1520 Sedgwick Avenue. Der Eintritt betrug für Frauen 25 Cent und für «Fellas», also Jungs, 50. Star des Abends: Cindys großer Bruder Clive, der eine große Plattensammlung besaß und sich als «DJ Kool Herc» im Viertel einen Namen gemacht hatte.

Aus einer einfachen Party im Sommer 1973 wurde eine «Revolution», wie das «New York Magazine» schreibt, «für Hip-Hop-Fans ist die Geschichte dieser Party heilig»: Der damals 18-jährige DJ Kool Herc spielte nicht die kompletten Songs auf seinen Platten, sondern nur die Instrumentalteile zwischen dem Gesang, zu denen die Partygäste am besten tanzen konnten. Ein Freund schnappte sich ein Mikrofon und begann dazu zu rappen - auch wenn es diese Bezeichnung dafür damals noch gar nicht gab.

Rhythmen mit Sprachgesang - der Hip-Hop war geboren und die Partygänger konnten gar nicht genug davon bekommen, erinnert sich der heute 58-jährige DJ Kool Herc. «Es gab kein Zurück mehr.» Schon bald eröffneten Clubs, die nur diese Musik spielten, Alben wurden aufgenommen, die Zahl der Fans wuchs und die Musik schoss weltweit in die Charts. Inzwischen ist der Hip-Hop sogar in den elitärsten aller Zirkeln angekommen: Die renommierte Harvard Universität an der US-Ostküste hat ein spezielles Archiv angelegt und vergibt Stipendien, die nach dem Rapper Nas benannt sind. Unter anderem Musiker und Bands wie Grandmaster Flash, Public Enemy, Kurtis Blow, Sugarhill Gang und später Wu-Tang Clan, Tupac Shakur, Notorious B.I.G. und Wyclef Jean wurden als Größen des Genres weltbekannt. DJ Kool Herc nicht. Der jamaikanische Einwanderer aus der Bronx wurde wenige Jahre nach der berühmt gewordenen ersten Hip-Hop-Party bei einer Messerstecherei schwer verwundet. Später bekam er als DJ immer weniger Aufträge und wurde drogensüchtig.

Kool Herc überlebte, aber ist immer noch gesundheitlich angeschlagen. Derzeit erhole er sich von einer Operation, heißt es auf seiner Webseite. Zum 40. Jahrestag seiner Erfindung werde er es immerhin zu einigen öffentlichen Veranstaltungen in New York schaffen.

Auch wenn ihn seine Musik nicht zum Star gemacht hat, kämpft der 58-Jährige weiter für seine Mission: Den Ursprungsort des Hip-Hop zu bewahren. 1520 Sedgwick Avenue verfiel vor einigen Jahren zusehends. Kool Herc aktivierte einflussreiche New Yorker Politiker und erreichte, dass das Gebäude mit rund 100 Wohnungen, in dem er seit Jahrzehnten nicht mehr lebt, an einen neuen Investor verkauft wurde, der sich besser darum kümmert. Zudem laufen Bemühungen, das Gebäude offiziell als Denkmal schützen zu lassen. «Es ist doch der Geburtsort, wo alles angefangen hat», sagte Kool Herc bei einer Pressekonferenz. «Es ist ein Teil des amerikanischen Traumes und wir wollen ihn bewahren.»