Von Homs nach Hamburg - Flüchtlingsalltag im «Gelben Dorf»

Vor nicht allzu langer Zeit lebten sie noch zu Hause, im syrischen Homs oder im Südosten Afghanistans. Jetzt wohnen sie in Hamburg, in gelben Wohncontainern. Die Anwohner nennen die kleine Siedlung darum das «Gelbe Dorf».

Von Homs nach Hamburg - Flüchtlingsalltag im «Gelben Dorf»
Daniel Reinhardt Von Homs nach Hamburg - Flüchtlingsalltag im «Gelben Dorf»

In diesen Tagen, in denen sich Kanzlerin und Vizekanzler die Klinke in die Hand geben, um Solidarität mit Flüchtlingen im sächsischen Heidenau zu deonstrieren und dabei ausgebuht werden; in denen der Bundespräsident in Berlin ein Flüchtlingsheim besucht und Ausländerfeinde scharf kritisiert; in denen fast täglich irgendwo eine Unterkunft beschmiert, geschmäht oder angezündet wird - in diesen Tagen wirkt das «Gelbe Dorf» in Hamburg-Rahlstedt wie ein Idyll.

Auf dem Parkplatz des Dörfleins aus gelben Wohncontainern üben Kinder Fahrradfahren, andere laufen ihnen in den Weg und springen dann lachend zur Seite. Eine Frau mit Kopftuch und einem langen roten Kleid trägt einen Wäschekorb unter dem Arm. Hier endet meist der öffentliche Blick auf die Flüchtlinge. Denn die Menschen sollen geschützt werden vor allzu Neugierigen, auch vor unangenehmen Begegnungen.

108 Menschen sind vor einem Jahr ins «Gelbe Dorf» eingezogen. «Seitdem sind vier Babys dazugekommen», wie die Leiterin der Unterkunft, Maren Oehmichen, sagt. «Wir haben hier Familien, vor allem aus Syrien, Afghanistan, Nigeria und Tschetschenien. Es sind Christen, Muslime, Jesiden.» Probleme habe es bisher nicht gegeben. «Die sind doch alle in der selben Situation. Und sie wissen das.»

Vor der Tür von Familie Saleh aus Afghanistan bilden zahllose Schuhe in allen Größen einen bunten Teppich - Sandalen, Halbschuhe, Sportschuhe, Flip-Flops. Aus der Wohnung dringen Kinderrufe. Eine Frau in einem traditionellen türkisfarbenen Kleid und rotem Tuch auf dem Kopf empfängt die Besucher. Auch sie lassen ihre Schuhe vor der Tür.

Neugierige Kinderaugen mustern die Fremden. Die Mutter Nazanine lächelt scheu. Sie spricht Farsi, ein Dolmetscher übersetzt. Im Mai 2014 ist sie in Deutschland angekommen, erzählt die hagere Frau, mit ihrer Schwiegermutter, den drei Söhnen und den beiden Töchtern. Sie wohnten in der Provinz Paktia im Südosten des Landes am Hindukusch, mehr als 5000 Kilometer von Hamburg entfernt.

Von dem Dorf ist es nicht weit nach Pakistan, zur Unruheregion Wasiristan, einer Hochburg von Taliban und Al-Kaida. «Mein Mann war Dolmetscher, arbeitete auch für die Regierung», erzählt Nazanine Saleh. «Das sehen die Taliban nicht gerne. Sie haben ihn erschossen», übersetzt der Dolmetscher. «Nicht gut Afghanistan, bumm, bumm», sagt die Frau und schlägt mit der Faust in ihre Handfläche.

Die Wohnung besteht aus Wohncontainern, gestapelt, miteinander verbunden, drei bis vier Zimmer, Küche, Bad. Die Wände sind steril-weiß. Nur an bestimmten Stellen kann man etwas anhängen, einen Haken anbringen, wenn man vorher eine kleine Plastikabdeckung entfernt. Im Wohnzimmer liegen Teppiche, es gibt eine typische deutsche Sofagarnitur und einen großen Flachbild-Fernseher.

Wie alt ist Nazanine? Sie blickt ratlos, gibt einem Neffen ihren Ausweis. «35», sagt der junge Mann, «Nazanine kann nicht schreiben und nicht alles lesen.» Doch eines weiß sie genau: «Wichtig ist, dass meine Kinder eine Ausbildung bekommen.» Es gebe hier so viele Möglichkeiten. «Nach Afghanistan wollen wir nicht zurück.»

Die Töchter Isat und Sinat sehen fast aus wie Zwillinge, beide haben lange schwarze Haare, tragen die gleichen dunkelgrün-karierten Kleider. Sinat ist acht, geht schon in die Schule. Manchmal hilft sie beim Übersetzen. «Ich habe auch schon Freundinnen in der Klasse.» Im Fernsehen sieht sie am Liebsten «Barbie», ein «Püppchen» will sie aber nicht werden, sondern «Doktor».

Ihr großer Bruder Sishan ist neun Jahre alt, geht jetzt in die dritte Klasse. Er hat noch keine «doofen Sprüche» in der Schule gehört, sagt er unbekümmert. Und die Mutter ergänzt: «Wir haben noch keine feindlichen Situationen hier erlebt. Und wenn, dann hätten wir solche Sprüche auch gar nicht verstanden.»

Am Nachmittag kommt plötzlich wieder Leben in den Platz zwischen den fünf doppelstöckigen Gebäuden. Mit Isat und Sinat läuft ein Dutzend Kinder ins Haupthaus zur wöchentlichen Bastelstunde. Jungen und Mädchen sitzen einträchtig beieinander und stecken bunte Plastikperlen zu Bildern zusammen. Hassan hat eine Mickey Maus gesteckt.

Der Zwölfjährige ist seit einem Jahr in Deutschland, zusammen mit seinen Eltern, sechs Schwestern und zwei Brüdern. Sie sind aus Syrien gekommen, aus der Stadt Hassake. Es sei nicht gut dort, «die töten einen da», sagt er beiläufig und schwenkt seine Mickey Maus. Seine Lieblingsfächer in der Schule sind Mathe und Deutsch und sein Lieblings-Fußballverein ist Real Madrid. «Ronaldo ist besser als Messi», sagt er voller Überzeugung, Widerspruch zwecklos.

Katharina Joanowitzsch hilft hier ehrenamtlich mit, malt und bastelt mit den Kindern. «Selten wird der Krieg thematisiert. Manchmal basteln die Jungs hier Waffen», sagt sie. «Aber in den Bildern, die die Kinder malen, hat sich der Krieg noch nicht gezeigt.»

Ihre Kollegin Maike Schwitale setzt auf Musik und Deutsch. Sie wird mit den Kindern Lieder singen. «Zum Stressabbau», wie sie sagt. Und um deutsche Wörter zu lernen. «Das fördert die Sprachentwicklung. Deutsch zu singen geht leichter, als Deutsch zu sprechen.»

Im «Gelben Dorf» helfen mehr als 30 Ehrenamtliche mit: Basteln, Nähen, Fahrräder reparieren, Deutsch für Erwachsene, Hausaufgabenhilfe, Singkreis und Kleiderkammer, sagt die Sozialpädagogin Maren Oehmichen. Neu im Programm ist Lach-Yoga für Frauen. «Und es wurde schon viel gelacht», berichtet sie, «das ist ansteckend.»

Nicht immer war die Lage so entspannt. «Als bekannt wurde, dass hier eine Flüchtlingsunterkunft entstehen soll, gab es Widerstand», erinnert sie sich. «Einige Geschäftsleute waren dagegen, Unterschriften wurden gesammelt.» Jetzt habe sich die Situation gewandelt. «Einige von denen, die gegen die Unterkunft waren, geben jetzt hier Deutschkurse. In diesem Jahr hatten wir gar keine Klagen. Vielleicht haben die Nachbarn die Kinder ja ins Herz geschlossen.»

Es gebe auch Patenschaften für Familien, sagt Oehmichen. Die Hilfsbereitschaft sei sehr groß. «Die Obdachlosen haben keine so starke Lobby.» Oehmichen hat elf Jahre mit Obdachlosen gearbeitet.

Nächste Station: die syrische Familie Ghaleb aus dem 3000 Kilometer entfernten Homs. Sie wohnen hier zu siebt in einer Vier-Zimmer-Wohnung auf etwa 70 Quadratmetern. Der 16-jährige Wasem übersetzt. «Wir haben Homs vor fast drei Jahren verlassen. Zwei Jahre waren wir in Libyen, kamen nicht weiter. Dann noch 21 Tage in Ägypten.» Von dort seien sie mit einem Boot Richtung Italien gefahren. «So etwa 300 Menschen waren auf dem 14 Meter langen Boot», erinnert sich Wasem, die Brüder nicken. «Das Schiff hatte Lecks, die Maschine ging kaputt.» Die Erwachsenen zahlten den Schleusern 1200 Dollar pro Kopf, für Kinder 500.

Der 14-jährige Abdullah meldet sich zu Wort, behauptet fast trotzig, auf der Überfahrt keine Angst gehabt zu haben. Ein Marineschiff nimmt die Bootsflüchtlinge schließlich auf und bringt sie nach Italien. Dann geht es weiter über Verona, Mailand und Österreich nach Deutschland.

«Ich wollte nicht weg von Zuhause. Ich hatte meine Freunde da», sagt Abdullah. «Aber 2012 war das Leben in Homs sehr gefährlich», hält Wasem dagegen. «Es gab nichts zu kaufen. Man konnte nicht raus. Große Katastrophe. Syrien ist eine Katastrophe.»

Die Mutter Rana serviert starken Mokka in kleinen Tassen. Sie ist schwanger. «Es wird ein Mädchen», weiß der neunjährige Abdelmomen, einer der fünf Brüder.

Die Familie ist hierhergekommen, um zu bleiben. Auf Smartphones zeigen die Söhne Bilder zerstörter Häuser in Homs, Trümmerfelder wie Mondlandschaften. «Das macht mich traurig», sagt Vater Murhaf. Er hat in Homs als Vergolder gearbeitet. Stolz zeigt der 49-Jährige Bilder seiner Arbeiten. Gerne würde er auch in Deutschland arbeiten. Aber im Jobcenter haben sie gesagt, Vergolder gebe es hier nicht, übersetzt Wasem.

«In Homs hatten wir am Ende keine Freunde mehr, alle waren geflohen», erzählt Murhaf. «Baschar [der syrische Präsident Al-Assad] hat gesagt, wir sollen nicht wiederkommen», sagt er bitter, «und wir gehen auch nicht wieder zurück». Die älteren Söhne nicken, denn bei einer Rückkehr müssten sie wohl zur Armee.

Wasem erzählt, dass er nicht mehr zur Schule gehen konnte, nachdem dort Raketen eingeschlagen waren. In Deutschland möchte der Jugendliche mit der modischen schwarzen Brille gerne Augenarzt werden. Abdullah will Apotheker werden. Freitags geht die Familie in die Moschee. Jeden Samstag spielen die Brüder im Park Fußball.

Unter großen Gefahren sind die Ghalebs aus Syrien geflohen. Aus Deutschland sind zugleich schon viele junge Muslime in das Bürgerkriegsland gegangen, um an der Seite des Islamischen Staates (IS) zu kämpfen. «Nicht gut», sagt Wasem, übersetzt die Einwürfe der Brüder. Den IS nennen sie Daesh. «Die vom Daesh sagen, sie sind gut. Aber sie sind nicht Islam», betont Wasem. Und die Leute, die Deutschland verlassen und dort kämpfen wollen? «Die sind verrückt!»