Von Tel Aviv nach Berlin: «Jahrhundertzeichen»

Sechs Millionen Juden sind dem Völkermord der Nazis zum Opfer gefallen. Für viele Menschen in Israel war es nach dem Krieg lange unvorstellbar, jemals wieder Brücken in dieses Deutschland zu bauen. Und doch ist jetzt in Berlin eine Ausstellung zu sehen, in der das Tel Aviv Museum of Art mehr als 70 seiner Schlüsselwerke zeigt.

Von Tel Aviv nach Berlin: «Jahrhundertzeichen»
Stephanie Pilick Von Tel Aviv nach Berlin: «Jahrhundertzeichen»

Es ist das erste Mal, dass Israels wichtigste Kunstinstitution sich in einer solchen Breite im Ausland vorstellt.

«Das ist eine sehr besondere Ausstellung zu einem sehr besonderen Anlass», sagt Raphael Gamzou, der stellvertretende Generaldirektor des israelischen Außenministeriums, vor der offiziellen Eröffnung am Donnerstag. Möglich wurde sie durch das Jubiläumsjahr, das Deutschland und Israel aus Anlass der Aufnahme diplomatischer Beziehungen vor 50 Jahren feiern.

Faszinierend sind allein schon die Werke der Klassischen Moderne, die bis zum 21. Juni im Martin-Gropius-Bau zu sehen sind. Viele davon waren von den Nazis als «entartet» diffamiert, zum Teil wurden sie noch während der Nazi-Zeit gerettet und nach Israel gebracht. Vertreten sind etwa Max Beckmann, Marc Chagall, Wassily Kandinsky und Max Liebermann. Zu den besonderen Glanzstücken gehören etwa Pablo Picassos Ölgemälde «Büste einer Frau» (1953) und Alberto Giacomettis Bronzeskulptur «Venezianische Frau IX» (1956/57).

Unter dem Titel «Jahrhundertzeichen» hat die Ausstellung allerdings einen viel weitergehenden Anspruch. Den Werken der Moderne sind kontrapunktisch Video- und Installationsarbeiten zeitgenössischer israelischer Künstler entgegengestellt. «Das ist eine Art von Symbol», sagt Museumsdirektorin Suzanne Landau. «Wir erhoffen uns nicht nur einen Dialog innerhalb unseres Landes, sondern auch einen Dialog zwischen uns und Deutschland.»

Die teilweise recht dominanten Töne und Geräusche der Videoarbeiten mischen sich von einem Raum zum anderen und vermitteln so das Gefühl der Vielfalt dieser Kunst. Zugleich entwickelt sich zwischen einzelnen Werken in den thematisch gegliederten Räumen eine besondere Spannung.

Da ist etwa Marc Chagalls bedrückendes Hirtenbild «Solitude» (1933) und Nira Peregs Video «Sabbath 2008» (2008), das die Abriegelung der ultraorthodoxen Wohnviertel in Jerusalem zu Beginn des Sabbats zum Thema hat. Oder das Bild «The Bewildered Planet» (1942) von Max Ernst, das mit einem Jackson Pollock kommuniziert.

Andere Arbeiten stehen mit ihrer Wucht für sich, wie die raumgreifende Dracheninstallation «Wenn Diktatoren wüten» (2013) von Michal Helfman. Oder Yael Bartanas Videotrilogie «Und Europa wird überwältigt sein» (2007-2011), in der die Künstlerin die jüdische Besiedlung Palästinas in einem dreiaktigen Drama nachvollzieht.

Die Arbeit an der Ausstellung habe auch den eigenen Blick auf die Geschichte hinter den Kunstwerken verändert, sagt die Kuratorin Ellen Ginton. Als Beispiel nennt sie das leuchtend orangegrundige Farbfeldgemälde von Mark Rothko «No. 24 (Untitled)», das die Ausstellungsplakate und den Katalog ziert. Der heute so hoch gehandelte US-Maler, 1903 als Marcus Rothkowitz in Russland geboren, hatte einst mit seiner jüdischen Familie vor antisemitischen Pogromen im Zarenreich in die USA fliehen müssen.

Auch das Museum selbst hat eine besondere Beziehung zu Deutschland. Nach der Gründung 1932 wurde der Berliner Kunsthistoriker und Gründungsdirektor des Jüdischen Museums in Berlin, Karl Schwarz, erster Chef des Hauses (1933-1947). Er legte den Grundstein für die jetzt gezeigte Sammlung.

Für Ran Yaakoby, den Kulturbeauftragten der israelischen Botschaft in Berlin, ist die Ausstellung sowohl für das deutsche wie auch für das israelische Publikum wichtig. «Israel und Deutschland sind kulturell in einer Weise verbunden, die über die Geschichte hinausgeht», sagt er. «Die Beziehungen sind von der Geschichte geprägt, aber sie weisen auch in die Zukunft.»