VW-Machtpoker in Salzburg - Winterkorns Zukunft offen

Im VW-Machtkampf ringt der engste Kreis des Aufsichtsrats um Wege aus der Führungskrise. Das Treffen des sechsköpfigen Präsidiums im österreichischen Salzburg dauerte deutlich länger als geplant.

«Es zieht sich», berichtete eine mit den Vorgängen vertraute Person. Das Sondertreffen hatte nach dpa-Informationen gegen 15.00 Uhr begonnen und dauerte am Abend an. Mit von der Partie ist auch VW-Chef Martin Winterkorn.

Nach der öffentlichen Attacke von VW-Patriarch Ferdinand Piëch könnte es um Winterkorns berufliche Zukunft bei VW gehen. Der 67-Jährige will laut der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ) um eine Verlängerung seines 2016 auslaufenden Vertrags kämpfen. Vor knapp einer Woche war Piëch im Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» öffentlich «auf Distanz zu Winterkorn» gegangen und hatte ihm damit das Vertrauen entzogen.

Nachdem Winterkorn am Vormittag noch zwei VW-Werke in Niedersachsen besucht hatte, sagte er einen Termin in der Politik am Nachmittag ab - und flog wie auch Niedersachsens Ministerpräsident Stefan Weil (SPD), der Mitglied im Präsidium ist, nach Österreich. Das Bundesland Salzburg ist nicht nur die Heimat von Piëch, auch der Familiensitz der Porsches befindet sich dort. Außerdem hat der größte Autohändler Europas, die Porsche Holding Salzburg, ihren Sitz in Salzburg. Das Unternehmen ist eine Volkswagen-Tochter.

Das Präsidium ist mit seinen sechs Mitgliedern der Kern des 20-köpfigen Aufsichtsrats und bereitet entscheidende Weichenstellungen des Kontrollgremiums vor. Das Sextett bilden: Ferdinand Piëch (Vorsitz), Berthold Huber von der IG Metall (Vize-Vorsitz), VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh, der Sprecher des Porsche-Familienzweigs Wolfgang Porsche, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sowie der Osterloh-Vize Stephan Wolf.

Winterkorn galt bis zur Piëch-Attacke als erster Nachfolger des VW-Patriarchen an der Spitze des Aufsichtsrates. Neben der Distanz-Ansage zitierte das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» Piëch auch mit den Worten: «Ich strebe an, dass an die Spitze des Aufsichtsrats und des Vorstands die Richtigen kommen.» Damit schien nicht nur ein Wechsel an die Spitze des Kontrollgremiums unmöglich, sondern Winterkorns weiterer Verbleib im Vorstand zumindest fraglich. Während sein Vorstandsvertrag Ende 2016 ausläuft, ist Piëch bis zum Frühjahr 2017 als Aufsichtsratschef gewählt.

Mit der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat und den zwei Vertretern des VW-Großaktionärs Niedersachsen auf der Kapitalseite sprach sich eine Allianz öffentlich für Winterkorn aus. Doch in der Führungskrise geht es möglicherweise nicht ums Stimmenzählen der Mandate im Aufsichtsrat. Übereinstimmend sagen Insider, dass eine offene Frontenbildung im Aufsichtsrat gegen Piëch eher unwahrscheinlich ist. Der Aufsichtsratschef und Vertreter der Piëch-Eigentümerfamilie gilt als das VW-Machtzentrum.

Wolfgang Porsche ist im Präsidium der Sprecher des Familienzweigs der Porsches, der zusammen mit den Piëchs die Stimmenmehrheit an VW hält. Porsche hatte Ferdinand Piëchs vernichtendes Zitat zunächst als «Privatmeinung» zurückgewiesen. Die Aussage sei nicht abgestimmt gewesen.

Unter Winterkorns gut achtjähriger Ägide - er wurde 2007 Konzernchef - verdoppelte sich der Umsatz des Konzerns, der Gewinn stieg sogar noch deutlich stärker. Bei seinem Amtsantritt zählte der Konzern 329 000 Mitarbeiter. Heute sind es, auch dank vier neuer Marken, fast 600 000 Menschen.