Was nun, Herr Böhmermann?

Falls Jan Böhmermann Tagebuch schreibt, er hätte in den vergangenen Wochen schon viele Seiten füllen können. Die Kurzfassung: Gedicht vorgelesen, Staatsaffäre ausgelöst. Böhmermann läuft als Thema in den Medien rauf und runter. Es hat quasi die «Panama Papers» überrundet.

Was nun, Herr Böhmermann?
dpa/EPA Was nun, Herr Böhmermann?

Und es ist kein Ende in Sicht: Die Bundesregierung ließ am Freitag als Zugeständnis an die Türkei eine Strafermittlung gegen den Satiriker zu. Mancher regte sich sehr darüber auf. «Ich persönlich schäme mich gerade ganz furchtbar», schrieb Böhmermanns Fernsehkollege Oliver Kalkofe dazu auf Facebook.

Der Anfang: In einem Gedicht trug der Moderator in seiner Sendung auf ZDFneo am 31. März lauter Bosheiten über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vor. In den Versen ging es auch um Sex mit Tieren und Kinderpornografie.

Ausdrücklich sagte Böhmermann dazu, diese Schmähkritik sei in Deutschland nicht erlaubt. Die für ihn typische Ironie also. Die Nummer muss man nicht gelungen finden. Das ZDF wollte den Beitrag nicht im Hauptprogramm zeigen und entfernte ihn aus der Mediathek.

Dann meldete sich die Türkei. Deutschland lernte, dass es noch einen alten Paragrafen um eine Art Majestätsbeleidigung hat, der jetzt abgeschafft werden soll. Auf dem Papier droht Böhmermann jahrelange Haft.

Seit Rudi Carrell, der 1987 mit einer Bildmontage um Ajatollah Chomeini den Iran erzürnte, gab es nichts Vergleichbares. Böhmermann ist jetzt der Mann, der die Kanzlerin in Bedrängnis brachte.

Die Causa Böhmermann und Erdogans Ärger geistern seit Tagen durch die Nachrichten und Talkshows. «Ganz Deutschland diskutiert gefühlte 24 Stunden am Tag. Können wir uns nicht bitte alle wieder ein bisschen beruhigen?», fragte am Donnerstagabend das Satire-Magazin «extra 3», das mit seinem Erdogan-Lied den ZDF-Querkopf überhaupt erst inspiriert hatte.

Die Normalität scheint in weiter Ferne. Böhmermanns Fernseh- und Radiosendung fielen aus. Der Polizistensohn bekam Polizeischutz. Der Moderator hat sich selbst noch nicht zu Wort gemeldet - und das könnte auch so bleiben. Böhmermann erklärt seine Satire-Aktionen normalerweise nicht. Bis Freitagnachmittag gab es weder von seinem Anwalt noch von seinem Management eine Rückmeldung. Schon vorher war bekannt: Eine Unterlassungserklärung wird er nicht abgeben.

Was Böhmermann vielleicht denkt, das hat er letzte Woche in seiner Show «Neo Magazin Royale» verarbeitet. Und zwar sehr verschlüsselt, ein irres Stück Fernsehen: In dem Beitrag verschachtelte er so viele Einspieler, dass man den Überblick verlor. Zum Schluss der Sendung sagte er: «Die Show ist jetzt zu Ende, die Wirklichkeit geht wieder los».

Wer hat sich nicht alles zu Böhmermann geäußert: Dieter Hallervorden sang ein Schunkellied. Schauspieler wie Matthias Brandt, Jan Josef Liefers und Katja Riemann solidarisierten sich. Eine Online-Petition fordert: «Freiheit für Böhmermann». Ganz so, als säße der 35-Jährige schon lange hinter Gittern.

Der Autor Sascha Lobo will es differenziert sehen und twittert: «Ihr denkt also, dass Merkel die Gewaltenteilung hätte missachten sollen, um gegen Erdogans Missachtung der Gewaltenteilung zu protestieren?» Ähnlich äußert sich Medienjournalist Stefan Niggemeier: «Die Bundesregierung überlässt das Urteil deutschen Gerichten. Gelingt mir beim besten Willen nicht, mich darüber zu empören.»

Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes, Frank Überall, hofft, dass es gar nicht erst zu einer Anklage kommt. Und selbst wenn, bedeute das nicht, dass Böhmermann zwangsläufig verurteilt werde, sagte Überall am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. «Am Ende glaube ich, dass die Presse- und Meinungsfreiheit höher wiegt.»