Watsche für Pegida: «Lügenpresse» ist «Unwort des Jahres»

«Lügenpresse», schreien Pegida-Anhänger auf ihren Demonstrationen den Medienvertretern ins Gesicht. Das entsetzt auch Sprachkritiker. Sie kritisieren den NS-Bezug der Parole - und fällen ein scharfes Urteil.

«Lügenpresse» gilt als Kampfbegriff aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, wieder aufgegriffen von den Nazis, von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels. Als die Darmstädter Sprachkritikerin Nina Janich (46) die abwertende Bezeichnung als «Unwort des Jahres 2014» bekanntgibt, ist klar: Die kritisierte Parole ist nicht nur Geschichte - sondern brisant und aktuell wie ein «Unwort» bisher eher selten. «Lügenpresse» wird heute bei Demonstrationen des Anti-Islam-Bündnisses Pegida in Dresden skandiert. Für ihre Entscheidung ernten die Sprachkritiker viel Lob.

«Uns war es in der Jury von vornherein klar, dass wir ein Wort rund um die Pegida-Debatte als Unwort auswählen wollen», beschreibt Janich am Dienstag die Diskussion in der Runde. Das sei schon vor der terroristischen Attentate in Frankreich so gewesen, die Ereignisse hätten die Einstellung aber noch verstärkt. «Wir haben lange über den Begriff «Islam-Rabatt» diskutiert.» Die Jury habe ihn aber dann wieder verworfen. «Wir wollten nicht, dass uns der Vorwurf gemacht werden könnte, wir wollten etwas verharmlosen.»

Das «Unwort» mache es aber auch möglich, einen aktuellen Zusammenhang in der Islamisierungsdebatte aufzugreifen. Medien sollten den «Mut haben, weiter zu schreiben und weiter zu karikieren», meint Janich. Der Begriff «Lügenpresse» sei zudem ein «besonders perfides Mittel». Viele der Pegida-Demonstranten wüssten vermutlich nicht, aus welcher Zeit die Parole stammt, die «sprachgeschichtliche Aufladung des Ausdrucks» dürfte einem Großteil unbekannt sein.

«Lügenpresse»: Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist der abschätzige Begriff geläufig, vor allem im Ersten Weltkrieg hetzen streng nationale Kreise so gegen kritische Berichterstatter. Unter den Nazis erlebt das Wort eine Renaissance. Dahinter standen laut der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) immer völkische und nationalistische Anliegen, die die staatlich gelenkte «Lügenpresse» angeblich zu verschleiern versuchte.

Aus Sicht der Protestierenden herrscht auch heute keine wirkliche Meinungsvielfalt oder Meinungsfreiheit. Vielmehr bestimmten Regierung oder «System» darüber, was veröffentlicht werden darf. So gibt es derzeit Vorwürfe an die Medien wegen der Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt. Das Vertrauen in die Presse ist einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag des NDR zufolge auf einem Tiefpunkt. Die Journalisten würden zu hart mit Russland und Kremlchef Wladimir Putin ins Gericht gehen, die ukrainische Regierung aber zu nachsichtig behandeln - und zwar auf Geheiß westlicher Regierungen und der Nato, wie die Kritiker behaupten.

Natürlich müssten Medien weiterhin kritisiert werden, meint dazu Janich. «Dass Mediensprache eines kritischen Blicks bedarf und nicht alles, was in der Presse steht, auch wahr ist, steht außer Zweifel.» Aber «Lügenpresse» sei ein Kampfbegriff mit dunkler Vergangenheit - «den man eigentlich überhaupt nicht verwenden sollte.»

Mit der Entscheidung hat die unabhängige Jury wieder einmal ein Wort gewählt, das mit sieben Vorschlägen kein Spitzenreiter war. Am meisten genannt worden waren unter den fast 1250 Einsendungen «Putin-Versteher»/«Russland-Versteher» (60-mal), «Pegida»/«Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes» (44-mal) und dann «Social Freezing» (29-mal). Die Jury richtet sich nicht nach der Häufigkeit der Vorschläge, sondern will die Sensibilität für Sprache fördern.

Lob für die Entscheidung kommt auch von Nicht-Medien. «Das ist eine Wahl, wie sie nicht hätte besser sein können», meint Heinrich Detering, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. «Das zeigt, wie schnell populistisches Reden in NS-Jargon kippen kann - und auch, dass das Ressentiment derer, die Begriffe wie «Lügenpresse» verwenden, sich gegen eine offene Gesellschaft richtet.»

So sieht es auch der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, Professor Ludwig M. Eichinger. Man solle besser «zweimal nachdenken, ob man das Wort in einer demokratischen Gesellschaft verwendet.» Das macht nicht jeder. Bei einer «heute»-Sendung über die Pegida-Demonstration am Montag in Dresden sprang ein Störer vor die Kamera, war kaum mehr zu bremsen. «Lügner. Ihr seid alle Lügner!» Die Live-Schalte wurde abgebrochen.