«We Are Alive»: Kluges über Springsteen

Der US-Titel «We Are Alive» passt viel besser als das trockene «Über Bruce Springsteen» auf dem deutschen Buchdeckel.

«We Are Alive»: Kluges über Springsteen
Lukas Barth

Selten hat jemand so lebendig, informativ und fesselnd über den gerade wieder durch europäische Stadien tobenden Rockstar geschrieben wie David Remnick in diesem schmalen Buch - zuerst vom Chefredakteur des «New Yorker» vor knapp einem Jahr als langer Artikel im eigenen Magazin veröffentlicht.

Aufgehängt an den Vorbereitungen auf die noch laufende «Wrecking-Ball»-Tour erzählt Remnick aus fast einem halben Jahrhundert mit dem Rockphänomen Springsteen. Von ersten Auftritten in der Teenagerband Castiles 1966 bis zum bisher letzten Album des jetzt 63-jährigen, steinreichen Weltstars mit «We Are Alive» und anderen gesungenen Anklagen gegen Geldhaie. Für die Underdogs, die nach Überzeugung von «The Boss» schon immer für alle Siegeszüge und Desaster der Erstgenannten zahlen mussten wie jetzt wieder die Rechnung für die Finanzkrise.

Wer in den vergangenen zwölf Monaten eine der furiosen Drei-Stunden-Shows mit dem Sänger und seiner E-Street-Band erlebt hat, wird fasziniert Remnicks Eindrücke von den Proben lesen: Er beschreibt sie als harte, disziplinierte Arbeit wie für ein Theaterstück, das man Satz für Satz einstudieren muss. Interessantes erfährt man dabei auch über Gebrechen der ebenfalls längst legendären und nach wie vor mit Festgehalt angestellten E-Street-Band-Musiker wie Nils Lofgren (61, zwei neue Hüften) und Drummer Max Weinberg (62, eine Operation am offenen Herzen, Prostatakrebs, zwei gescheiterte Rückenoperationen und sieben an den Händen).

Auch wer nicht der große Springsteen-Fan ist, wird seine Freude an Remnicks begeisternden Beobachter- und Schreiberqualitäten beim Umgang mit diesem Superstar aus der Unterhaltungsindustrie haben. Der Autor mag den Star, lässt auch nie einen Zweifel daran, er gehört ganz offensichtlich zu Springsteens «innerem Zirkel» und lässt sich von der Star-Gattin Patti Scialfa auf dem Anwesen des Paares in New Jersey auch schon mal Feinheiten der Innenausstattung erklären.

Aber sein Blick bleibt offen für allerlei Widersprüche, Probleme und Tiefs in Springsteens Erfolgsbiografie. Unbefangen auch schreibt Remnick über das Streben nach Geld als Antriebskraft bei diesem singenden Rock-Strahlemann mit politischem Anspruch.

«Ich versuche, ein Konzert abzuliefern, das der Junge in der ersten Reihe nie vergisst», sagt Springsteen dem Autoren vor einem Auftritt vergangenen Sommer in Barcelona. Die Leute nehmen ihm das auch mit seinen 63 noch ab. Beim Mitsingen von «We Are Alive» denken sie dann wohl eher an sich selbst und den lebendig gebliebenen Überbringer der frohen Botschaft als die eigentlich im Songtext gemeinten Unterdrückten und Entrechteten.

(David Remnick, Über Bruce Springsteen, Berlin Verlag, Berlin, 80 Seiten, 14,99 Euro, ISBN 9783827011688)