Wegweisende Lehrschrift: Papst ruft zu Reform der Kirche auf

Auf die katholische Kirche kommen nach dem Willen von Papst Franziskus radikale Reformen zu. Franziskus fordert in seinem ersten apostolischen Lehrschreiben von Bischöfen und Priestern, sich vor allem den Schwachen und Bedürftigen dieser Welt zuzuwenden.

In dem veröffentlichten Text, einer Art Regierungserklärung, stellt er die Strukturen der Kirche und die Macht des Vatikans in Rom infrage - bis hin zur heutigen Form seines Papstamtes.

Franziskus wandte sich gegen einen «ausufernden Klerikalismus» und rief zu offenen Kirchentüren auf. «Mir ist eine "verbeulte" Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.» Er wünsche sich eine «arme Kirche für die Armen», schreibt der Papst.

Die Forderung nach kirchlichen Reformen geht einher mit harscher Kritik an zügellosem Kapitalismus, der eine «neue Tyrannei» sei. Der seit März amtierende Oberhirte von mehr als einer Milliarde Gläubigen, erteilte jedoch auch Abtreibung und Frauen im Priesteramt eine klare Absage.

Die Lehrschrift «Evangelii Gaudium» (Freude des Evangeliums) zum Abschluss des Jahr des Glaubens gilt als wegweisend und grundlegend für das Pontifikat von Franziskus. Er wendet sich damit an die Bischöfe und Priester, aber auch an alle Gläubigen. Das erste Dokument, das der Papst seit seinem Amtsantritt alleine verfasst hat, verdeutlicht eine Reihe seiner Haltungen zu heiklen Fragen.

Der 76-Jährige fordert Reformen auf allen Ebenen und betont, den Bischöfen komme dabei eine entscheidende Rolle zu. «In diesem Sinn spüre ich die Notwendigkeit, in einer heilsamen Dezentralisierung voranzuschreiten», heißt es. Auch eine Reform des Papsttums bringt der Argentinier ins Gespräch. Man dürfe keine Angst haben, Dinge anzugehen, die zwar historisch gewachsen seien, aber nicht direkt mit dem Evangelium zusammen hingen.

Franziskus ruft seine Kirche dazu auf «neue Wege» zu gehen und «kreative Methoden» zu wählen, um die «ursprüngliche Frische der Frohen Botschaft» zurückzubekommen. Jesus solle aus den «langweiligen Schablonen» befreit werden, dazu sei auch eine Reform der Strukturen der Kirche notwendig. Die Kirche müsse sich öffnen, Menschen ertrügen nicht die «Kälte einer verschlossenen Tür».

Er unterstreicht auch die Notwendigkeit, die Verantwortung der Laien für die Kirche zu stärken. Die Laien spielten teils durch mangelnde Ausbildung, teils durch «ausufernden Klerikalismus» nicht die Rolle, die sie spielen sollten. Auch müssten die «Räume für eine wirksamere weibliche Gegenwart in der Kirche noch erweitert werden» vor allem dort, wo die wichtigen Entscheidungen fielen. Eine Öffnung des Priestertums für Frauen schließt Franziskus aber kategorisch aus.

Auch in der Frage der Abtreibung werde die Kirche ihre Haltung nicht ändern, stellte der Papst klar. Der Schutz des ungeborenen Lebens sei keine Frage der Modernität. Die Haltung der Kirche werde zwar häufig als «etwas Ideologisches, Rückschrittliches, Konservatives» dargestellt, doch die Verteidigung des menschlichen Lebens sei unabdingbar. Wahr sei aber auch, «dass wir wenig getan haben, um die Frauen angemessen zu begleiten, die sich in sehr schweren Situationen befinden», etwa nach Vergewaltigungen.

«In der Wurzel ungerecht» nennt er das aktuelle ökonomische System. Diese Form der Wirtschaft töte, denn in ihr herrsche das Gesetz des Stärkeren. Der Mensch sei nur noch als Konsument gefragt, und wer das nicht leisten könne, der werde nicht mehr bloß ausgebeutet, sondern ausgeschlossen, weggeworfen. Die Ausgeschlossenen seien nicht Ausgebeutete, sondern «Müll, Abfall». Die Welt lebe in einer neuen Tyrannei des «vergötterten Marktes».

Für sein erstes Lehrschreiben bekam der Papst viel Lob und Anerkennung. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, würdigte das Dokument als neuen Aufbruch. «Ihn drängt die Erneuerung der Kirche in ihrem missionarischen Engagement.» Der Papst ermutige die Kirche, «mit neuer Zuversicht und aus der Kraft des Evangeliums zu leben». «Mit einer beeindruckenden Analyse der derzeitigen Situation legt uns Papst Franziskus in klarer und erfrischender Sprache eine geistliche Entfaltung davon vor, was es heißt, als Kirchen einen neuen Aufbruch zu wagen.»