«Weihnachtsoratorium»: Neumeiers Ballettversion gefeiert

Am Anfang ist es ganz still. Menschen in grauen Mänteln und mit Koffern in den Händen stehen dicht gedrängt in der Mitte der Bühne und bilden eine Art Quadrat. Dann erklingt eine Melodie auf der Mundharmonika: «Vom Himmel hoch...»

Die Menschen verteilen sich im Raum, ein verloren wirkender Mann mit einer weißen Mütze und einem kleinen Weihnachtsbaum in der Hand setzt sich vorne an den Rand der Bühne und zündet eine Kerze an. Plötzlich erklingt die mitreißende Musik von Bachs «Weihnachtsoratorium»: Bei «Jauchzet, frohlocket» stürmt die erste Tänzerin auf die hellerleuchtete Bühne, es folgt ihr nach und nach das komplette Ensemble.

John Neumeiers Ballettversion aller sechs Teile von Bachs «Weihnachtsoratorium» hat am Sonntagabend in Hamburg eine umjubelte Premiere gefeiert. Nach der gut dreistündigen Vorstellung applaudierte das begeisterte Publikum im Stehen sowohl für die Tänzer als auch für die Sänger, das Orchester und den Hamburger Ballett-Chef. Auch bei der vollständigen Version des «Weihnachtsoratoriums» - die Teile I-III wurden bereits 2007 uraufgeführt - geht es Neumeier nicht um die Nacherzählung der biblischen Geschichte, auch wenn die Mutter und der Vater, die Hirten und Engel auftauchen, sondern um die Vermittlung allgemeiner Werte wie Vertrauen und Zuversicht, aber auch Zweifel und Einsamkeit.

Im Mittelpunkt stehen Maria und Josef, die wie die anderen Menschen auf der Suche sind. Anna Laudere verleiht der Maria im hellblauen Kleid und barfuß tanzend eine zerbrechliche Aura. Sie weiß nicht, wie ihr geschieht, die anderen Tänzer müssen sie zu «Bereite dich, Zion» stützen und tragen. Auch Josef (Edvin Revazov) ist verwirrt: «Wie soll ich dich empfangen?» Erst nach und nach überwindet er sein Misstrauen, streichelt Maria zärtlich über den Kopf und betrachtet sie und das Kind im Schlaf. Ein Kind in der Krippe sucht man vergeblich, es wird symbolisiert durch ein zusammengefaltetes Hemd, das Maria mit sich trägt und das - im vierten Teil auseinandergefaltet - auf den bevorstehenden Tod hinweist.

Die Freude vermitteln im zweiten Teil die Engel: Silvia Azzoni als Spitze tanzende Lichtgestalt in hinreißenden Pas de deux mit Alexandr Trusch als Engel und Carsten Jung als Hirte, bei der Arie «Ich will nur dir zu Ehren leben» lacht Maria zum ersten Mal. Bei der Ankunft der drei Weisen (Marc Jubete, Sasha Riva, Thomas Stuhrmann) leuchten die Sterne im Hintergrund (Bühnenbild: Ferdinand Wögerbauer), der Auftritt von Herodes (Dario Franconi) verbreitet nochmals Furcht, bevor am Ende die Freude überwiegt. Eine besondere Rolle übernimmt Lloyd Riggins als einsamer Beobachter, der sich vom vierten Teil an immer aktiver in das Geschehen auf der Bühne einmischt und am Ende freudestrahlend zurückbleibt.

Der ausgewiesene Barockspezialist Alessandro de Marchi dirigierte die Philharmoniker und den Staatsopernchor mit viel Einfühlungsvermögen. Als Solisten überzeugten Mélissa Petit, Katja Pieweck, Manuel Günther und Wilhelm Schwinghammer.

John Neumeier gilt als Experte für sakrale Werke. Seine Vorliebe für religiöse Themen entwickelte sich bereits während seines Studiums an der katholischen Universität von Milwaukee. Dort wurde der Jesuitenpater John Walsh zu einem seiner wichtigsten Begleiter. 1981 schuf Neumeier mit der «Matthäus-Passion» ein Meisterwerk für die St. Michaelis-Kirche. Damals gab es noch heftige Diskussionen, ob es erlaubt sei, ein religiöses Werk zu tanzen. Es folgte 1987 das «Magnificat» von Bach, das Neumeier auf Wunsch von Rudolf Nurejew für die Pariser Oper schuf und schließlich - nach Mozarts «Requiem» und Händels «Messias» - 2007 die Teile I-III des «Weihnachtsoratoriums».