Weltmeister spielt für Freunde in Frankreich

Die Weltmeister setzen gemeinsam mit Kanzlerin Angela Merkel und allen Ministern ein demonstratives Zeichen gegen den Terror.

Weltmeister spielt für Freunde in Frankreich
Uwe Anspach Weltmeister spielt für Freunde in Frankreich

Nach der Nacht der Extreme im Stade de France, wo die Fußball-Kollegen der Équipe Tricolore nach der fürchterlichen Anschlagsserie mit mehr als 120 Toten an der Seite der deutschen Mannschaft ausgeharrt hatten, werden Joachim Löw und seine Spieler zum Länderspiel gegen die Niederlande antreten.

Der deutsche Fußball, aber auch die Bundesregierung will am Dienstag (20.45 Uhr) in Hannover die Verbundenheit mit der auf brutale Weise verletzten französischen Nation dokumentieren. Die «Bild»-Zeitung berichtete, dass Merkel mit dem kompletten Kabinett in die Arena in der niedersächsischen Landeshauptstadt kommen wolle.

Das Ja zur letzten Partie des Jahres sickerte am Sonntag nach letzten internen Abstimmungen der Verbandsspitze mit der Sportlichen Leitung um Löw und Teammanager Oliver Bierhoff über diverse Kanäle durch. «Es darf nicht sein, dass der Terror siegt», hatte DFB-Interimschef Rainer Koch schon vorher den für ihn alternativlosen Kurs vorgegeben.

«Nous sommes unis» («Wir sind vereint»), lautete die deutliche weltmeisterliche Botschaft nach der eiligen Rückkehr von der mit so vielen positiven Hoffnungen verbundenen Frankreich-Reise. Sichtlich gezeichnet verließen die Nationalspieler am Samstagmorgen nach der Landung in Frankfurt die von der Lufthansa kurzfristig nach Paris umdirigierten Sondermaschine.

Das «Wir sind vereint» soll vier Tage nach den schrecklichen Erlebnissen während und besonders nach der 0:2-Niederlage im EM-Endspielstadion in Hannover auf dem Rasen und besonders auch auf den Rängen gelebt werden. Ergebnis, Torschützen, Taktik, sogar die Rivalität mit den Holländern treten für 90 Minuten zurück.

Es dürfe natürlich kein Spiel der «La-Ola-Wellen» sein, betonte Koch. Es sei «kein Freundschaftsspiel wie jedes andere». Einige aktuelle DFB-Akteure haben zusammen mit Löw eine andere Ausnahmesituation bereits erlebt. Nach dem Suizid von Torhüter Robert Enke am 10. November 2009 war ein Länderspiel gegen Chile sofort abgesagt worden. Die zweite damals geplante Partie gegen die Elfenbeinküste (2:2) wurde jedoch ausgetragen; nach der zuvor erfolgten Trauerfeier für den verlorenen Teamkollegen in Hannover.

Nach der Heimkehr aus Frankreich hatte Löw seine Spieler erst einmal nach Hause zu den Familien geschickt. Dort sollten der auch am Sonntag noch «fassungslose» Kapitän Bastian Schweinsteiger und seine Kollegen «erstmal durchatmen und bei ihren Liebsten sein können», wie Teammanager Oliver Bierhoff die Maßnahme begründet hatte.

Die Geschehnisse am Spieltag, der für das DFB-Team mit einer Bombendrohung im Hotel begonnen hatte, habe alle «schockiert und stark berührt», wie der als Krisenmanager geforderte Bierhoff berichtete. Die Spieler erhielten besorgte Telefonanrufe und Nachrichten aus der Heimat. «Man hat es einfach gemerkt: Auch die Spieler waren sehr ängstlich», sagte Bierhoff.

An Schlaf war im Stadion nicht zu denken. «Wir waren betrübt, betroffen, als immer größere Todeszahlen bei uns eintrafen, die ersten Bilder kamen», berichtete DFB-Interimschef Koch im ZDF. Es sei im Kabinenbereich «eigentlich immer stiller geworden.»

Stille herrschte auch im Airbus, der Mannschaft, Betreuer und auch Journalisten heimflog. Erst als das Flugzeug von der Startbahn des Flughafens Charles de Gaulle abhob, sanken einige Spieler erschöpft in einen kurzen Schlaf. «Wir haben uns auf das Stade de France gefreut, auf einen Fußballabend, der für uns alle in einem Alptraum endete», schrieb das Nationalteam in einer Stellungnahme. Eine Antwort, «die diese feigen Anschläge erklären kann», habe niemand in den vielen Gesprächen untereinander gefunden. «Diese Welt ist jetzt wirklich beschissen», urteilte der Dortmunder Mats Hummels.

Die DFB-Führungsriege sprach sich frühzeitig und einmütig für ein Festhalten an der Partie gegen die Holländer aus. «Man darf denen, die uns das angetan haben, nicht den Triumph gönnen», betonte Ligapräsident Reinhard Rauball. Es gehe darum, «das klare Zeichen auszusenden, dass unser Rechtsstaat dem Terror nicht weichen darf».

Löw und Bierhoff kommunizierten auch mit dem Mannschaftsrat. Ursprünglich hatte die DFB-Auswahl erst am Sonntag von Paris nach Hannover fliegen sollen. In der Sportschule Barsinghausen sollte sich der Kader auf das letzte Länderspiel des Jahres vorbereiten.

Die «Druckwellen» bei den Detonationen außerhalb des Stadions seien bis auf die Ersatzbank zu spüren gewesen, hatte Rauball in Gesprächen mit Spielern erfahren. Nicht auszudenken, wenn die Terroristen ihr offensichtliches Ziel, auch im Stadion eine Bombe zu zünden, erreicht hätten. «Wir sind alle erschüttert und schockiert», kommentierte Löw unmittelbar nach dem Abpfiff der Partie, die eigentlich wertvolle EM-Erkenntnisse erbringen und Vorfreude auf das Turnier im kommenden Sommer wecken sollte. Am 10. Juli 2016 wollen Schweinsteiger und Co. im Stade de France Europameister werden.

Fieberhaft hatte der DFB-Stab in der Nacht zum Samstag daran gearbeitet, die Spieler ganz schnell nach Deutschland zu bringen. Rauball klingelte sogar Bundesinnenminister Thomas de Maizière weit nach Mitternacht aus dem Bett. Der CDU-Politiker bemühte sich um eine Maschine der Luftwaffe, die aber erst am Samstagmittag in Paris hätte eintreffen können. DFB-Partner Lufthansa war schneller. Frankreichs Verband bot sogar Zimmer im Quartier der eigenen Mannschaft im Trainingszentrum Clairefontaine außerhalb von Paris an.

Freitag, der 13. November 2015, wird für immer in den Köpfen aller Beteiligter bleiben; vom 31 Jahre alten Anführer Schweinsteiger bis hin zum erstmals im A-Team eingesetzten Youngster Leroy Sané (19). Auf eine Delegation um Bundestrainer Löw und Teammanager Bierhoff wartet schon in nur vier Wochen die nächste Paris-Reise. Am 12. Dezember will die UEFA in einer feierlichen Zeremonie die Vorrundengruppen für die EM-Endrunde 2016 auslosen.