Weltmeister will «Initialzündung» - Boateng im Training

Jetzt geht die Titelmission für den Fußball-Weltmeister richtig los. Nach dem glanzlos erledigten Gruppensieg will die deutsche Auswahl ob mit oder ohne Jérôme Boateng im EM-Achtelfinale gegen die Slowakei endlich die große Turnier-Euphorie auslösen.

«Wir haben unsere Pflicht erfüllt, wir sind vollkommen im Soll. Es wird jetzt auf die K.o.-Phase ankommen», erklärte Turnierkapitän Manuel Neuer: «Ein klarer Sieg» würde eine «Initialzündung» sein.

Bei den jüngsten Welt- und Europameisterschaften habe das deutsche Team die Stärke in den K.o.-Runden immer wieder unter Beweis gestellt, hob Welttorhüter Neuer vor der Partie am Sonntag in Lille (18.00 Uhr) hervor. Auf dem Weg zum WM-Triumph vor zwei Jahren in Brasilien hatte ein mühsames 2:1 nach Verlängerung im Achtelfinale gegen Außenseiter Algerien einen wichtigen Schub gegeben. 

Das soll nun in Frankreich auch gegen einen unbequemen 24. der Weltranglisten glücken. «Aber zu sagen, es ist nur die Slowakei, ist falsch. Die Mannschaft hat es sich verdient, im Achtelfinale zu stehen», warnte der Münchner Anführer Neuer, der bei der jüngsten 1:3-Testpleite vor vier Wochen gegen eben diese Slowaken im Unwetter von Augsburgs gefehlt hatte.

Die Kapitänsbinde trug damals zeitweilig Boateng - für den Erstfall ist der Einsatz des Abwehrchefs weiter fraglich. Zwar stand 27-Jährige nach seiner Wadenverletzung beim Abschlusstraining am Samstag in Évian-les Bains mit neontürkisen Fußballschuhen mit auf dem Platz. Schon vor dem offiziellen Beginn absolvierte er einen Belastungstests und sprintete sogar. Für Löw zumindest ein «Indikator», dass er einen Einsatz Boatengs ins Kalkül ziehen kann. Doch bei der endgültigen Entscheidung muss der Bundestrainer auch abwägen, ob das Risiko angesichts des fest eingeplanten Viertelfinal-Knallers gegen Italien oder Spanien zu hoch ist.

An die möglichen Duelle mit den Weltmeister-Vorgänger aus Südeuropa oder ein mögliches Halbfinale gegen England oder EM-Gastgeber Frankreich will Löw derzeit noch keine Gedanken verschwenden. «Wir richten unsere volle Konzentration auf das Achtelfinale. Danach schauen wir, was kommt. Man muss jeden Gegner besiegen, wenn man Europameister werden will», erklärte Assistent Thomas Schneider. «Wir haben uns konstant gesteigert und sind auf einem sehr guten Niveau. Aber klar ist auch, dass wir noch Luft nach oben haben.»

Fast stündlich steigt im deutschen Lager die Vorfreude auf die Alles-oder-nichts-Spiele. «Jedes Team hat schon seine Stärken gezeigt. Aber man hat auch gesehen, dass es für keine Mannschaft ein Spaziergang wird», betonte der in Frankreich noch torlose Thomas Müller vor seinem 75. Länderspiel.

Löw wird im Stade Pierre Mauroy von Lille höchstwahrscheinlich jener Elf vertrauen, die beim 1:0 im Gruppenfinale gegen Nordirland begonnen hatte. In der Defensive hängt das Personaltableau allerdings von Boatengs Gesundheitszustand ab. Als erste Alternative für den Münchner steht wohl der Schalker Weltmeister Benedikt Höwedes bereit. Joshua Kimmich dürfte nach seinem starken EM-Debüt wieder rechts offensiv verteidigen.

«So lange die Null steht, kommst du weiter», erklärte Neuer. Seit vier Spielen ist der Welttorhüter ohne Gegentreffer. Erstmals seit dem EM-Titel 1996 überstand die DFB-Auswahl die Gruppenphase eines großen Turniers wieder ohne Gegentor. «Aber wir sind keine Rekordjäger, sondern versuchen Ergebnisfußball zu spielen - gerade in der K.o-Phase», stellte Schlussmann Neuer nüchtern fest.

Die letzten Gegentore kassierte die deutsche Elf ausgerechnet beim 1:3 gegen die Slowaken, die in Frankreich als Gruppendritter hinter Wales und England weiterkamen. Vor vier Wochen wendeten nach Gomez' Führungstor Marek Hamsik, Michael Duris und Juraj Kucka gegen Bernd Leno und Marc-André ter Stegen die Partie. «Jeder kennt Hamsiks Fernschüsse, er macht auch in Neapel schöne Tore», warnte Neuer. «Es wird wichtig sein, dass unsere Sechser ihn früh stören. Aber wir sollten uns nicht auf nur einen Spieler konzentrieren, sondern den Gegner insgesamt beobachten.»

Vor der Abwehrreihe dürften wieder Sami Khedira und Toni Kroos die Zentrale bilden. Allerdings bescheinigte die Sportliche Leitung auch Bastian Schweinsteiger den Anschluss an das Startelf-Niveau. Beim Training am Samstag lächelte der 31 Jahre alte Teamsenior, mit Tapes am Bein, in die Kamera. Sami Khedira ist wie Mesut Özil und Boateng mit einer Gelben Karte vorbelastet. Auch das könnte bei der Besetzung eine Rolle spielen. «Es ist vieles möglich», orakelte Schneider mit Blick auf die Mittelfeldbesetzung.

Dass in Lille auf einem frisch verlegten Rasen gekickt wird, sorgt für Freude im deutschen Team. «Ein Nachteil ist es sicher nicht, noch schlechter kann der Rasen nicht sein», sagte Assistent Marcus Sorg.

Deutschland: 1 Neuer (Bayern München/30/68) - 21 Kimmich (Bayern München/21/2), 4 Höwedes (FC Schalke 04/28/37), 5 Hummels (Borussia Dortmund/27/48), 3 Hector (1. FC Köln/26/17) - 6 Khedira (Juventus Turin/29/63), 18 Kroos (Real Madrid/26/68) - 13 Müller (Bayern München/26/74), 8 Özil (FC Arsenal/27/76), 19 Götze (Bayern München/24/55) - 23 Gomez (Besiktas Istanbul/30/66)

Slowakei: 23 Kozacik (Viktoria Pilsen/32/20) - 2 Pekarik (Hertha BSC/29/70), 3 Skrtel (FC Liverpool/31/84), 4 Durica (Lokomotive Moskau/34/83), 15 Hubocan (Dynamo Moskau/30/46) - 22 Pecovsky (MSK Zilina/33/34) - 19 Kucka (AC Mailand/29/50), 17 Hamsik (SSC Neapel/28/90) - 20 Mak (PAOK Saloniki/25/30), 7 Weiss (Al-Gharafa/26/55) - 8 Duda (Legia Warschau/21/14)

Schiedsrichter: Marciniak (Polen)