Weltwirtschaft zwischen Hoffen und Bangen

Heute müssen sich die Parteien in den USA auf eine Erhöhung der gesetzlichen Schuldengrenze einigen - sonst kann die Supermacht ihre Rechnungen nicht mehr komplett bezahlen. Die Angst vor diesem «fiskalischen Selbstmord» verunsichert die Finanzmärkte, aber auch Verbraucher.

Zu welcher Kettenreaktion kann es kommen?

Sollten sich die Parteien nicht rechtzeitig einigen, könnte die größte Volkswirtschaft der Welt vom Freitag an nicht mehr alle Rechnungen begleichen. Experten warnen vor der Gefahr eines Crashs an den Finanzmärkten mit anschließender weltweiter Rezession. Deutsche Bank-Chef Anshu Jain warnt eindringlich vor einem Zahlungsausfall: «Er wäre eine tödliche Krankheit.» Nach Überzeugung des Chefs der größten US-Bank JPMorgan Chase, Jamie Dimon, wäre dieses Szenario so dramatisch, dass der Lehman-Kollaps dagegen wie ein Spaziergang im Park erscheine. Denn die wichtigste Staatsanleihe der Welt würde als absolut sicherer Hafen wegfallen. «Die Ungewissheit im Hinblick auf die weitere politische Entwicklung in den USA könnte die Risikoprämien auf US-Werte in die Höhe treiben», sagt Experte Chris Iggo von AXA Investment Managers. Das würde auch Banken und Versicherungen wieder in Schieflage bringen, die viele Staatspapiere halten und als Sicherheiten für Geldgeschäfte verwenden.

Wird die US-Konjunktur auch ohne Kettenreaktion geschädigt?

Ja, erste Schäden sind bereits zu sehen, hervorgerufen auch durch die teilweise Lahmlegung der Verwaltung. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup hat die wirtschaftliche Zuversicht der US-Amerikaner in der ersten Oktober-Woche den größten Knacks seit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers 2008 bekommen. Das könnte die Kauflust bremsen - und dabei steht Weihnachten vor der Tür. Der frisch gebackene Nobelpreis-Träger Robert Shiller hält die Ängste aber für überzogen. Er rechne nicht mit einem Zahlungsausfall - und wenn doch, dann nur kurzzeitig. «Und selbst wenn es länger dauern sollte, ist es nicht das Ende der Welt.» Die Märkte würden zwar kurzfristig einbrechen, doch sich auch wieder erholen.

Wem gehören die US-Staatspapiere?

Offizielle US-Daten zeigen, wem Washington Geld schuldet: Die größten auswärtigen Geldgeber sind China und Japan mit 1,3 beziehungsweise 1,1 Billionen Dollar. Doch auch im Inland steht die Regierung in der Kreide, unter anderem bei Pensions- und Investmentfonds. Manche Investoren haben vorsichtshalber bereits Staatsanleihen abgestoßen, die im Oktober und November zurückgezahlt werden müssten.

Welche Rolle spielt die Notenbank Fed?

Das meiste Geld schuldet die Regierung aber - sich praktisch selbst. Alleine die US-Notenbank Fed hat Anleihen im Wert von rund 2,1 Billonen Dollar aufgekauft im Zuge ihrer Bemühungen, die Wirtschaft nach der Rezession wieder anzukurbeln. Sie pumpte über diese Anleihekäufe Geld in die Märkte in der Hoffnung, Arbeitsplätze zu schaffen. Einige Politiker fordern, diese Schulden doch einfach per Federstrich auszuradieren - dann hätte die Regierung auf einen Schlag viel finanziellen Spielraum.

Kann die Fed ihren Plan aufrechterhalten, die Anleihekäufe schrittweise zurückzuführen?

Das ist unsicherer denn je. «Egal, welches Ergebnis die Politik erzielt, die USA stehen vor spürbaren Einsparungen - etwa im selben gigantischen Umfang wie Europa im vergangenen Jahr», sagt Erik F. Nielsen, Chefvolkswirt der Unicredit. Das dämpft das Wachstum. Auch 2014 bleibe die politische Unsicherheit groß, sagt Nielsen: «Beides zusammen bringt mich zu der Annahme, dass die Fed beim Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik extrem vorsichtig sein wird.»