Wetterfühlige Waben: Der Architekt Achim Menges

Seine Bauwerke sind inspiriert von Wasserspinnen, Seeigeln und Hummern. Manche sind dünner als eine Eierschale. Einige sind wetterfühlig und verändern von alleine ihre Gestalt. Bei anderen findet das Material von selbst zu seiner Form.

Wetterfühlige Waben: Der Architekt Achim Menges
Arne Dedert Wetterfühlige Waben: Der Architekt Achim Menges

Der Frankfurter Architekt Achim Menges ist «ein Sonderfall in der deutschen Architekten-Szene», sagt der Direktor des Deutschen Architekturmuseums, Peter Cachola Schmal. Seine Arbeiten seien «einzigartig», seine Karriere «verblüffend».

Mit 32 war Menges schon Professor, heute ist er 39 Jahre alt und reif fürs Museum: Eine seiner Arbeiten steht im Centre Pompidou in Paris, das Deutsche Architekturmuseum will ihm bald eine Ausstellung widmen. Die meisten seiner Werke existieren nur auf Fotos und Filmen. Sie entstehen als Forschungsarbeiten der Universität Stuttgart, wo Menges lehrt. Mit Studenten und Forschern entwirft und realisiert er jährlich einen neuen Pavillon, der nach Vollendung aber meist vernichtet wird.

Menges ist dem Motto «form follows function» weit voraus, bei ihm bestimmt nicht nur die Funktion die Form: «Das Material entscheidet über die Form», formuliert Menges sein von dem Architekten Frei Otto inspiriertes Credo und drückt eine dünne Holzleiste an beiden Enden zusammen. So bildet sich eine Biegelinie, die anders ist als der Kreisbogen, den ein Architekt mit dem Zirkel auf Papier zeichnen würde.

An seinem Institut arbeitet er mit Architekten, Ingenieuren und Biologen zusammen. Für einen Pavillon ließen sie sich von Seeigeln inspirieren. Deren Skelett diente als Vorbild für die Verbindung von Bauteilen. Statt Nägel oder Schrauben halten aus der Platte gefräste Zacken das Holz zusammen. Der Trick: «Je unregelmäßiger diese Fingerzinken sind, desto stabiler ist das Ganze.»

Eine Erkenntnis, die unnütz wäre, würde Menges nicht auch andere Fertigungsverfahren nutzen als die meisten seiner Kollegen: Er lässt Roboter arbeiten. Als Handarbeit wäre es unbezahlbar, 200 000 verschiedene Zacken am Rand von 850 unterschiedlichen Bauteilen zu fräsen, mit industrieller Fertigung wäre es unmöglich. Der Pavillon, der so entstand, überspannt zwölf Meter - mit zwei Kubikmeter Holz.

Für eine andere Erkenntnis stand ein Hummer Pate. Sein Panzer besteht aus ein und demselben Material und doch ist die Zange steinhart und der Schwanz elastisch: Inspiration für einen Pavillon aus Glas- und Karbonfasern, die an manchen Stellen so dick gewickelt werden, dass sie das Gebäude tragen, und an anderen so dünn, dass sich lichtdurchlässige Flächen ergeben. Mit einer nur vier Millimeter dünnen Haut wurden so neun Meter Fläche überspannt.

Andere Bauten machten es der Wasserspinne nach. Sie nimmt eine Luftblase mit unter Wasser und spinnt sie von innen so zu, dass ein festes Gehäuse entsteht. Um herauszufinden, was Käferflügel so stabil macht, wurde sogar ein Teilchenbeschleuniger eingesetzt.

Für andere ist die Tatsache, dass Holz arbeitet, ein Problem. Menges überlegte: «Wie kann man das positiv nutzen?» Die Lösung fand er mit einem Fichten-Zapfen: Er öffnet und schließt sich ohne Motor, ohne Sensor, ohne Energie, ohne Kosten. Er baute «HygroScope», ein wabenartiges Objekt, das sich ganz von selbst öffnet und schließt - je nach Luftfeuchte. Das «wetterfühlige» Kunstwerk gehört seit 2012 zur ständigen Sammlung des Centre Pompidou in Paris.

Anfang des Jahres bekam Menges den Kunstpreis der Berliner Akademie der Künste. Begründung: «Mit seinen experimentellen Pavillons verbindet er innovative Materialentwicklungen und neue Fertigungstechniken mit künstlerischer Kreativität.» Museumsdirektor Peter Cachola Schmal ist sicher: Menges wird immer mehr und immer Größeres bauen. Bisher ist sein größtes Werk ein Pavillon für die Landesgartenschau in Schwäbisch-Gmünd 2014.