Wie ein isländischer Vulkan: Björk in Berlin

Björks Fans sind auf die Optik der Show ebenso gespannt wie auf die Musik. «Hat sie was an?», fragt ein junger Mann scherzhaft seine Freunde, als die Isländerin die Open-Air-Bühne der Zitadelle Spandau betritt. Er ist einer von mehr als 10 000 Zuhörern am Sonntagabend bei Björks einzigem Konzert in Deutschland in diesem Jahr.

Die Künstlerin hat etwas an, und natürlich ist es extravagant: ein glitzernd rotes Schürzenkleid, ein lila Halskragen, ein funkelnder Schleier über den Augen. Hinter Björk sitzt ein ganz in Weiß gekleidetes 15-köpfiges Streichorchester. Ein DJ und ein Schlagzeuger runden die Klangkulisse ab, während Video-Installation und Pyrotechnik das optische Spektakel vervollständigen.

Die immer noch mädchenhafte 49-Jährige tänzelt mal wie eine Ballerina, mal wie eine Boxerin, mal wie eine Bollywood-Darstellerin über die Bühne. Die Zuschauer stehen gebannt wie in Trance, minimalistisch bewegen sich ihre Körper. Bis auf ein gelegentliches «danke schön» spricht Islands Avantgarde-Popstar so gut wie nicht mit ihnen.

«Auf Wunsch der Künstlerin bitten wir Sie, das Fotografieren und Filmen zu unterlassen», hat sie vor Beginn über die Leinwand mitteilen lassen. «Björk möchte Sie ermuntern, Teil der Performance zu sein, statt mit den Gedanken bei Aufzeichnungen zu sein.»

Auch wenn sie trotzdem Fotos schießen: Optisch tragen viele Fans tatsächlich zur Show bei. Eine Frau hat ein durchsichtiges Netzkleid an, ein weißhaariger Mann einen kurzen, engen Rock über hochhackigen Stiefeln. Dazwischen gibt es Irokesen-Frisuren, toga-artige Gewänder, goldene Schuhe, aber auch karierte Hemden und Jeans. Vom Drittklässler bis zum Senior, vom schwulen Pärchen bis zum älteren Ehepaar, vom Schauspieler Robert Stadlober bis zum Publizisten Henryk M. Broder: So eklektisch, bunt und eigenwillig wie Björks Avant-Garde-Elektropop ist auch ihr Publikum.

Während ein Video eines eierlegenden Schmetterlings zu sehen ist, ergießt sich ein Funkenregen über der Bühne. Wie aus einem isländischen Vulkan schießt bunter Rauch in den Berliner Himmel und eine blau-rote Wolke senkt sich über dem Gelände der Renaissance-Festung am Havelufer. Es riecht nach Schwefel. Selbst die vom Flughafen Tegel vorbeidüsenden Flugzeuge scheinen irgendwie Teil der Performance zu sein.

Björks unverwechselbare Sopranstimme mit ihren gerollten Rs steigt in den sommerlichen Nachthimmel, episch untermalt von Geigen und Cellos. Die Beats des englischen DJs The Haxan Cloak wummern wie Kanonenschüsse, ein Feuerwerk knallt im Takt der Musik wie Gewehrsalven. Die ersten fünf Songs stammen alle von Björks neuem Album «Vulnicura», dann sind ihre Hits aus den neunziger Jahren an der Reihe. Als einzige Zugabe spielt sie «Hyperballad».

Nach anderthalb Stunden ist Schluss und der Bann gebrochen. Einige Fans ärgern sich, dass es schon vorbei ist. «Aber es war so schön», wiederholt einer immer wieder. Dem will niemand widersprechen.