Wie uns die Simpsons Mathematik beibringen

Den ersten Tribut an die Mathematik haben die Schreiber der Kultserie «Die Simpsons» gleich am Anfang der allerersten Staffel versteckt.

Wie uns die Simpsons Mathematik beibringen
Daniel Deme Wie uns die Simpsons Mathematik beibringen

Sprössling Maggie nuckelt an ihrem Schnuller und spielt mit Buchstaben-Bauklötzen. Als sie die Steine zu einem Turm stapelt, sieht der Zuschauer die Buchstabenreihe EMCSQU. In der englischsprachigen Originalfolge stehen die letzten drei Buchstaben für «squared», zu deutsch: zum Quadrat. Auf Maggies Bauklötzen steht also: E=mc². Hohe Mathematik.

Was ein bisschen mysteriös und vor allem ziemlich nerdig klingt, hat der britische Autor und Wissenschaftsjournalist Simon Singh nun offengelegt: Die Simpsons - für viele Ausdruck übertriebener Einfachheit mit einem ordentlichen Schuss gelber Farbe - bringen uns auf ihre Weise mathematische Phänomene und Probleme näher. Und das gleich mehr als einhundert Mal, schreibt Singh in «Homers letzter Satz - Die Simpsons und die Mathematik».

Verantwortlich für den unfreiwilligen Mathe-Unterricht am Vorabend sind die Schreiber der US-Kultserie. Viele von ihnen, etwa Al Jean oder Jeff Westbrook, haben in Harvard Mathe oder Informatik studiert, manche bis zum Master-Abschluss oder gar zum Doktor. Auf Fotos aus den 80er Jahren sehen viele der Serienschreiber so sehr nach dem klischeehaften Mathematiker aus, dass die Nerds von «The Big Bang Theory» daneben wie coole Sunnyboys wirken würden.

Die Simpsons gelten schon länger nicht bloß als Zeichentrick und die am längsten laufende TV-Serie aller Zeiten. Philosophen, Gesellschaftskritiker, Psychologen, all diese schlauen Köpfe entdeckten bei den Simpsons versteckte Details aus ihrem Fachgebiet.

Nun also die Mathematiker. Mal erklärt Homer Simpson die Form des Universums anhand eines Donuts, mal findet Springfields begabtester Junge Martin Prince eine Formel zum Verhältnis zwischen Lehrernähe und Unfug. «Das Potenzial für Blödsinn steht im umgekehrt proportionalen Verhältnis zur räumlichen Nähe einer Autoritätsfigur.» Primzahlen haben ebenso Gastauftritte wie die Zahl Pi, und dann löst Homer auch noch vermeintlich das Geheimnis von Fermats letztem Satz. Selbst lapidare Ausrufe im Streit zwischen Homer («Werd ich nicht unendlich») und Nachbar Ned Flanders («Werden Sie doch unendlich plus 1») verbergen mathematische Phänomene.

Eine solch hohe Qualität von mathematischem Humor finde sich so ausgeprägt nicht einmal in der Nerd-Sitcom «Big Bang Theory», sagt der Mathematik-Professor Volker Kaibel. Der 44 Jahre alte Professor der Uni Magdeburg hat mehrmals Vorträge zu der Mathematik bei den Simpsons gehalten. «Die Simpsons sind ein richtiges Kunstwerk. Bei Big Bang Theory zieht sich der Witz aus dem Spiel mit dem Klischee des Physikers oder Mathematikers. Bei den Simpsons sind viele Witze versteckte Insider-Gags.» Vieles rausche am Zuschauer vorbei, ohne die Handlung zu beeinflussen. Die meisten nähmen das nicht wahr.

Trotz der versteckten Mathe-Witze sind die Simpsons für Kaibel kein Bildungsfernsehen. «Einen pädagogischen Anspruch verwirklichen die Simpsons-Macher nicht.» Dennoch seien die gezeigten Mathe-Probleme teils hochkomplex. «Das sind keine Trivialitäten, die man sich mal eben aus dem Finger schnitzt. Da fließt unheimlich viel Arbeit und Liebe der Produzenten ein.» Um Homer den fermatschen Satz beinahe lösen zu lassen, habe Produzent David X. Cohen sogar eigens ein PC-Programm geschrieben, lautet eine Legende im Buch von Singh.

Besonders die Halloween-Kurzgeschichte «Homer³» gilt unter Mathematikern als legendär. Darin stolpert das Simpsons-Oberhaupt versehentlich aus seiner flachen Welt in die Dreidimensionalität. «In ihr ist die Mathematik so anspruchsvoll und elegant integriert wie in keiner anderen Folge», schreibt Singh. Homer macht die dritte Dimension derweil ganz anders zu schaffen: «Ich bin überall angequollen. Mein Bauch steht unheimlich vor.»

Unklar ist, warum die Simpsons-Macher sich diese für die Handlung unnötige Arbeit antun. Cohen sagt: «Wenn man fürs Fernsehen arbeitet, ist man schnell unzufrieden mit dem, was man tut, weil man zum Niedergang der Gesellschaft beiträgt. Wenn man dann die Gelegenheit hat, das Gesprächsniveau zu heben - und vor allem die Mathematik zu rühmen - gleicht das die Tage aus, an denen man Witze über Körperfunktionen schreiben muss.»

(Simon Singh: Homers letzter Satz. Die Simpsons und die Mathematik, Hanser Verlag, 320 Seiten, 15,99 Euro, ISBN 978-3-446-43773-9)