Winterkorn: Volkswagen muss sich in digitaler Revolution neu erfinden

Nach der Führungskrise diesen Frühling ist Volkswagens Vorstandschef Martin Winterkorn wieder zurück bei den Sachthemen. Seine Branche stecke in einer Revolution, bei der die Digitalisierung alles infrage stelle, sagte Winterkorn im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Winterkorn: Volkswagen muss sich in digitaler Revolution neu erfinden
Julian Stratenschulte Winterkorn: Volkswagen muss sich in digitaler Revolution neu erfinden

So sei etwa ein VW-Vorstandsposten für die IT denkbar, wie der VW-Chef vor Beginn der Internationalen Automobilausstellung IAA erklärte. Den Wettkampf mit neuen Konkurrenten wie Google und Apple sieht der 68-Jährige sportlich.

Martin Winterkorn: In der Tat erlebt die Automobilwelt einen historischen Umbruch. Man kann hier durchaus von einer digitalen Revolution beim Automobil sprechen: Alternative Antriebe, automatisiertes Fahren, die vollständige Vernetzung des Automobils, «Big Data», neue Werkstoffe und immer effizientere Produktionsverfahren.

Wir waren mit unserem Programm «Future Tracks» die Ersten, die laut und deutlich über die Umbrüche im Automobilgeschäft gesprochen und gehandelt haben. Jetzt erlebe ich im Unternehmen eine große Aufbruchstimmung. Wir sind dabei, Volkswagen ein Stück weit neu zu erfinden.

Martin Winterkorn: Volkswagen ist in China so gut aufgestellt wie kein zweiter Automobilhersteller. Es gibt aus unserer Sicht keinen Grund für Schwarzmalerei. In China warten unverändert Millionen Menschen darauf, ihr erstes eigenes Auto zu kaufen. Die Mittelschicht wächst. Insbesondere im Westen des Landes gibt es riesige Potenziale.

Fakt ist: Der chinesische Automobilmarkt wird reifer und wächst nicht mehr so rasant wie bislang. Von dieser nachlassenden Dynamik sind übrigens alle Automobilhersteller betroffen. Dass sich der Markt früher oder später normalisieren wird, war uns lange klar. China nähert sich derzeit der Situation in entwickelten Märkten an. Aber China bleibt weiterhin der wichtigste automobile Wachstumsmarkt.

Martin Winterkorn: Wir bringen allein in diesem Jahr 60 neue Modelle und Derivate in China an den Start. Die Nachfrage nach einem SUV in den Einsteigersegmenten ist längst erkannt. Unser Zeitplan für die Einführung neuer Modelle steht. Wir gehen diese Projekte mit Hochdruck an.

Martin Winterkorn: Wir bringen ab 2018 eine Budget-Car-Familie in China auf den Markt, mit SUV, Stufen- und Schrägheck - unter einem neuen Markennamen. Wir bauen diese Fahrzeuge lokal in China, die Modelle werden etwa zwischen 8000 und 11 000 Euro kosten. Natürlich würden wir schon gern heute solche Autos anbieten. Aber wir bauen keine Modelle, die sich nicht rechnen. Wenn man die hohen Qualitätsstandards auch hier nicht aufgeben will, dann ist es sehr zeitintensiv, die richtigen lokalen Lieferanten mit passendenden Konditionen zu finden. Das haben wir jetzt geschafft.

Martin Winterkorn: Die richtigen Autos sind da. Schon heute verfügt unser Konzern über die breiteste Elektro-Flotte der Automobilwelt. Und wir werden auf der IAA zeigen, dass wir diesen Weg mit weiteren neuen Modellen, mehr Reichweite und kurzen Ladezeiten konsequent weitergehen. In China, USA oder etwa Norwegen gibt es politische Unterstützung für die Elektromobilität. Jetzt braucht es auch hier die richtigen Rahmenbedingungen, damit sich die Elektromobilität beim Kunden durchsetzen kann. Statt Stückwerk bedarf es einer schlüssigen Gesamtstrategie der Politik für die künftige Entwicklung der europäischen Autoindustrie. Es geht um nicht weniger als die Zukunft unserer Industrie und dabei spielt die Elektromobilität eine zentrale Rolle.

Martin Winterkorn: Herzlich willkommen Google, Apple und alle anderen, für die offenbar unser Kernprodukt hochattraktiv ist. Ich freue mich auf den sportlichen Wettkampf um die beste Lösung. Aber ich bin überzeugt: Volkswagen behält seine Führungsrolle. Unser Konzern ist mit seinen 11 000 Informatikern und Daten-Analysten längst selbst zu einem der größten IT-Unternehmen des Landes geworden.

Als Ingenieur sehe ich diesen technologischen Umbruch unserer Branche nicht als Bedrohung, sondern vor allem als große Chance für den Automobilstandort Deutschland. Und ganz besonders für unseren Konzern. Als einer der Technologieführer können und werden wir den Wandel kräftig vorantreiben. Mobilität in all ihren Facetten wird auch im digitalen Zeitalter unsere ureigene Domäne und Leidenschaft bleiben.

Martin Winterkorn: Warum denn nicht? Die beschriebene digitale Revolution beim Automobil erfordert Veränderungen im Denken und Handeln auf allen Ebenen. An die Spitze eines Unternehmens gehören immer die besten Köpfe.

Martin Winterkorn: Volkswagen ist in den vergangenen Jahren ein anderer Konzern geworden. Wir haben mit Porsche, MAN, Scania und Ducati neue Marken integriert. Etwa beim Umsatz oder der Mitarbeiterzahl sind wir in ganz neue Dimensionen gewachsen. Darauf reagieren wir jetzt und machen den Konzern schneller, flexibler und beweglicher. Die Ergebnisse werden wir kurzfristig präsentieren. Unser Ziel ist klar. Wir brauchen eine zentrale, starke Konzernsteuerung aus Wolfsburg heraus genauso wie die Nähe zum Kunden überall auf der Welt.