Wirbel um «Charlie Hebdo»-Nachdruck in der Türkei

Kaum war die neue «Cumhuriyet» aus der Druckpresse heraus, rief die Zeitung auch schon die türkische Polizei auf den Plan. Die Redaktion wagte es als einzige in der mehrheitlich muslimischen Türkei, in einer eigenen Beilage Teile der neuen Ausgabe von «Charlie Hebdo» auf türkisch zu veröffentlichen.

Wirbel um «Charlie Hebdo»-Nachdruck in der Türkei
Tolga Bozoglu Wirbel um «Charlie Hebdo»-Nachdruck in der Türkei

Die Polizisten ließen die Lastwagen mit den druckfrischen Zeitungen erst passieren, als sie sich vergewissert hatten, dass die Mohammed-Karikatur vom «Charlie Hebdo»-Titel nicht publiziert wurde. Die Beamten hatten anscheinend nicht gründlich genug gesucht.

Zwar fand sich die Karikatur - auf der ein weinender Prophet Mohammed ein Schild mit der Aufschrift «Je suis Charlie» hält - nicht in der vierseitigen «Cumhuriyet»-Beilage. Dafür druckte die Redaktion den «Charlie-Hebdo»-Titel mit der Überschrift «Alles ist vergeben» in kleinerer Form in Kommentarspalten auf zwei Seiten anderswo in dem regierungskritischen Blatt. Den ermordeten «Charlie-Hebdo»-Machern hätte die Finte sicherlich gefallen.

Wenig Humor bewies ein Gericht in der südosttürkischen Stadt Diyarbakir, das am Mittwochnachmittag eine Sperre für Internetseiten verfügte, die die Mohammed-Karikatur zeigen. Die Druckausgaben der linksnationalistischen «Cumhuriyet» waren da aber schon längst in den Kiosken - und sorgten prompt für Ärger.

Die ultrakonservative Zeitung «Yeni Akit» schäumte, der Nachdruck sei «eine große Provokation». Das Blatt veröffentlichte für seine mehrheitlich islamistische und mutmaßlich empörte Leserschaft auch gleich Namen und Fotos der beiden Kommentatoren, in deren Spalten die Karikatur erschien. Auch die entsprechenden Kommentarspalten fotografierte «Yeni Akit» ab, die Zeichnung des Propheten Mohammed verpixelte die Redaktion. Sicherheitshalber riegelte die Polizei die Umgebung des «Cumhuriyet»-Verlagsgebäudes in Istanbul ab.

Schließlich leben unbequeme Journalisten in der Türkei unter Umständen gefährlich, wie etwa der «Spiegel»-Korrespondent Hasnain Kazim im vergangenen Jahr erfahren musste. Nach Morddrohungen und mehr als 10 000 Hassnachrichten verließ er vorübergehend das Land. Westliche Korrespondenten genießen dabei den Schutz ausländischer Regierungen. Für kritische türkische Journalisten gilt das nicht.

Zwar stellte Präsident Recep Tayyip Erdogan die Türkei vergangene Woche als internationales Vorbild für die Pressefreiheit dar. Die Organisation «Freedom House» allerdings stuft die Medien in der Türkei als «nicht frei» ein. Im vergangenen Monat wurden zahlreiche Journalisten und angebliche Regierungskritiker festgenommen, was scharfe Kritik der EU hervorrief. Erdogan selber bezichtigt besonders ausländische Medien immer wieder der «Lüge» - womit er vom «Lügenpresse»-Vorwurf der von der Türkei mit Sorge betrachteten Pegida-Bewegung nicht weit entfernt ist.

Erdogan hat den Anschlag von Paris klar verurteilt. Der islamisch-konservative Ministerpräsident Ahmet Davutoglu nahm am vergangenen Sonntag am Trauermarsch in der französischen Hauptstadt teil. Nach dem Mord an den Machern von «Charlie Hebdo» dominierten in der politischen Führung der Türkei allerdings nicht flammende Appelle für die Pressefreiheit, sondern Warnungen vor einer zunehmenden Islamfeindlichkeit in Europa. Davutoglu verglich Pegida in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (Mittwoch) sogar mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Auch der Vorsitzende der Religionsbehörde Diyanet, Mehmet Görmez, nannte die Morde bei «Charlie Hebdo» «unter keinen Umständen akzeptabel». Er kritisierte nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu allerdings, dass der Tod von «nur zwölf Menschen» in Paris einen Proteststurm hervorrufe, während beim gewaltsamen Tod von Millionen Menschen in der islamischen Welt Schweigen geherrscht habe. Görmez sagte weiter: «Im Laufe der Zeit hat Islamfeindlichkeit Hass und dann Angst vor allen Muslimen geschaffen.»