Wird Rio zum Münster Südamerikas?

Manchmal ist es wie Nahkampf: Der Bus rast so knapp vorbei, dass der Fahrtwind den Radler fast umwirft. Das ist in vielen Städten so. Die Metropolen dieser Welt waren bisher nicht darauf ausgerichtet, dass Hunderttausende genervt vom Stau aufs Fahrrad umsteigen. Gerade Südamerika ist bisher Diaspora für Radler. Aber in Rio de Janeiro vollzieht sich seit einiger Zeit eine Radrevolution - das liegt auch an Zé Lobo. Und der will noch mehr.

Wird Rio zum Münster Südamerikas?
Georg Ismar Wird Rio zum Münster Südamerikas?

Der 54-Jährige kommt mit einem seiner sechs Räder zum Treffen an der Copacabana. Dort verläuft parallel zum Strand ein Radweg, sonntags wird die ganze Avenida Atlântica gesperrt - nur Radler, Fußgänger und Skater dürfen sich dann hier austoben. Ständig fahren die orangefarbenen Rio-Leihräder vorbei.

«Wir haben bereits 260 Stationen mit 2000 Rädern», berichtet Zé Lobo. 6,2 Millionen Fahrten hat die Seite BikeRio bereits registriert. Für 2,50 Euro im Monat kann man beliebig viele Fahrten machen. Per Smartphone werden die Räder an den Stationen gebucht.

Es gibt keine bessere Option, um diese von Naturschönheit recht reich beschenkte Stadt zu entdecken, um von Strand zu Strand zu pendeln. Lobo war früher Grafikdesigner, seit 2008 ist er hauptamtlich für die Nichtregierungsorganisation Transporte Ativo tätig - sie hat sich der Förderung des unmotorisierten Verkehrs verschrieben.

«Seit ich zwölf bin, ist das Rad mein bevorzugtes Verkehrsmittel», erzählt der 54-Jährige. Das Umdenken habe mit der UN-Umweltkonferenz 1992 in Rio begonnen. «70 Prozent der Treibhausgasemissionen in Rio kommen bis heute vom Verkehr.» Aber es ist ein zäher Prozess. «Sie haben mal da einen Radweg gebaut und dann da einen, aber es war nur Stückwerk.» Er habe gesehen, die Stadt brauche Hilfe bei der Planung.

Mit Gleichgesinnten zählte er, wo es wieviel Radverkehr gibt, wo es besondere Gefahrenpunkte gibt. Heute gibt es in vielen Straßen der Strandviertel exklusive Radspuren - aber längst nicht in ganz Rio.

Aber immerhin umfasst das Radwegenetz nun fast 400 Kilometer - bis 2016 soll es auf 450 Kilometer wachsen, vor allem ist ein traumhafter Radweg entlang der Küste geplant - zu dem vom Zentrum fast 40 Kilometer entfernten Herz der Olympischen Spiele 2016, zum Olympiapark nach Barra.

Doch oft sind Radwege von Lastwagen und Autos blockiert, es gibt zwar nach Schätzungen der Stadt bereits 700 000 Radler, aber häufig ist es beschwerlich. «Du musst erst einmal das Denken verändern», meint Zé Lobo. «Bei Planern und Autofahrern.» Letztere sahen Radler lange als Gegner. «Ich war in Kopenhagen, die bessere Infrastruktur ist da gar nicht der entscheidende Unterschied zu Rio. Es ist die Erziehung der Autofahrer, der Respekt und die Toleranz gegenüber den Radfahrern.»

So wird viel versucht. Um zum Beispiel beim vier Kilometer langen Anstieg durch einen Nationalpark hinauf zum Vista Chinesa - Teil der Olympiastrecke 2016 - Raser zu bremsen, sind im Abstand von ein paar hundert Metern große weiße Fahrräder und 30km/h-Markierungen auf den Asphalt gepinselt.

Und ein Abschnitt zum berühmten Corcovado mit der Christusstatue (Cristo Redentor) ist sonntags für Autos gesperrt. Hier sind auch sehr teure Rennräder unterwegs. Und da lauert das nächste Problem. Im Mai wurde ein Arzt während einer Radtour an der olympischen Ruderstrecke erstochen und sein Rad geraubt. Aber: So etwas ist eine Ausnahme, die Polizeipräsenz wurde an beliebten Radstrecken erhöht.

In diesen Tagen ist eine Abordnung der European Cyclists' Federation in Rio - bis September soll laut Zé die Velo City 2018 feststehen. Neben einer großen Konferenz von Radwege-Planern aus aller Welt geht es für die Ausrichterstadt darum, sich als vorbildliche Rad-Stadt zu präsentieren.

Noch nie war eine Stadt Lateinamerikas Velo City, sagt die ECF. Aktuell ist es Nantes, 2016 wird es Taipeh sein, für 2017 wurden die Städte Arnhem/Nijmegen in den Niederlanden ausgewählt. Die ECF lobt die Entwicklung im etwa 6,5 Millionen Einwohner zählenden Rio de Janeiro als Erfolgsgeschichte.

Es gibt aber in Lateinamerika noch viel Luft nach oben: In 56 von der Interamerikanischen Entwicklungsbank (BID) untersuchten Städten gibt es erst 2513 Kilometer an Radwegen, wobei Bogotá mit 392 Kilometern neben Rio führend ist, im mexikanischen Monterrey sind es nur 400 Meter.

Abschlussfrage an Zé Lobo, der optimistisch ist, dass es den Zuschlag zur Velo City geben wird: Kennt er eigentlich Münster? Die Stadt in Deutschland, die als ein Paradebeispiel gilt, wo Radfahrer gefühlt mehr Rechte und Raum haben als Autofahrer. «Ja, ich habe schon davon gehört», meint er. «Eines Tages wollen wir in Rio auch so weit sein.» Visionen sind ja etwas Schönes. Aber diese dürfte wohl eine bleiben.